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Zweiundzwan zigstes Buch.
sich verteilt haben; wir sehen, wie die typische Durchbildung
im Goetheschen Sinne bald in einer Ballade Schillers über—
wiegt, bald die Deklamation Schillers eine Erzählung Goethes
heeinflußt zu haben scheint; und in einer Ballade, der vom
„Ringe des Polykrates“, erlauben uns die Akten, noch ziemlich
genau in die Werkstatt der beiden Blicke zu tun: in ihrer
jetzigen Gestalt kann sie als Gesamtprodukt beider bezeichnet
werden.
Goethe aber war es, der den Weg des Epos weiter ver—⸗
folgte, während eben die letzten großen Balladen Schillers,
die „Kassandra“, „Hero und Leander“, beide vom Jahre 1802,
lyrische Stimmung verraten. Goethe schritt zur halb episch
gehaltenen Elegie und schließlich zum modernen Sittenepos
fort: und auf so herrliche Stücke wie „Alexis und Dora“
folgten „Hermann und Dorothea“ und die Bruchstücke der
„Achilleis“. Von ihnen ist „Hermann und Dorothea“ durch
Schiller als der Gipfel aller modernen Kunst bezeichnet worden:
mit Recht, wenn man mit Schiller die klassische Dichtung als
moderne Kunst par excellence versteht. Denn hier ist mit
seltensten Sinne deutsches Leben im milden Glanze seines
typischen Daseins so gemalt, daß es ins allgemein Mensch⸗
liche gehoben: daß Menschenleben in seinen wichtigsten Augen—
blicken überhaupt geschildert zu sein scheint. Die Form, in der
es geschah, war dabei nicht neu; Voß, der treffliche Übersetzer
der homerischen „Odyssee“ und auch der „Ilias“, hatte die
epische Technik der Griechen in den Dienst einer etwas haus⸗
backenen niederdeutschen Idyllik halbepischen Charakters gestellt;
1784 war seine „Luise“ erschienen. Aber wie überbot Goethe
diese Anfänge! In fest geordneter Marschroute gleichsam, mit
der hellen Klarheit, die das Gedicht auszeichnet, fast unter der
Beobachtung der Einheiten des französisch-klassischen Dramas,
führt uns der Dichter in jenes Leben des mittleren deutschen
Bürgertums ein, dessen geistige Vertreter die wichtigsten sozialen
Träger wie des seelischen Aufschwungs der Zeit überhaupt, so
auch der Dichtung gewesen sind: nie hat sich eine Kunst ihres
sozialen Ursprunges gleich würdig und beinahe fromm ent—