Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
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sich, daß die strengere Form des Epos, so lange sie sich noch 
lebendig fortgebildet sah, gegen den Roman im Grunde Ver— 
wahrung eingelegt hat; noch Schiller hat Romandichter nur 
für Halbpoeten erachtet. 
Gleichwohl: seit dem 16. Jahrhundert spätestens, seitdem 
die Welt bunter und die Darstellungsgabe intensiver geworden 
war, war der Roman vorhanden, und der Harfner der Vor— 
zeit, der erzählende Vagant der Landstraße des hohen Mittel⸗ 
alters, der Geschichtenerzähler auf dem Markte der spätmittel⸗ 
alterlichen Stadt wurde abgelöst durch den Buchführer des 
16. Jahrhunderts, der etwa Jörg Wickrams „Rollwagen— 
büchlein“ um wenig Geld darbot, und durch den Sortimenter 
des 17. und 18. Jahrhunderts, der die dickleibigen Hofromane 
dieser Zeiten verkaufte. 
Groß war dabei die Kunst der älteren Romandichtung 
nach heutigen Begriffen nicht. Der Roman des 16. und 
17. Jahrhunderts, des individualistischen Zeitalters überhaupt, 
ging noch ganz im Erzählen von Taten auf; von einer 
Charakteristik der Helden war keine Rede; sie lieben nur und 
werden geliebt, kämpfen und schlagen sich durch die Welt: 
sind Subjekte und Objekte von Handlungen. Nicht minder ist 
ihre Umwelt nur eine solche von Ereignissen: rascher Zug der 
Erzählung bei aller Verworrenheit des Inhalts ist das einzige 
allenfalls durchgehende künstlerische Prinzip. 
Diese Art des Romans war nun in England und Frank—⸗ 
reich, vornehmlich aber in England als dem frühesten Träger 
subjektivistischen Seelenlebens innerhalb der Völkerfamilie West⸗ 
und Mitteleuropas seit Beginn etwa des 18. Jahrhunderts 
eine andere Art entgegengetreten. Der Roman wurde jetzt die 
poetische Form der Darstellung der Zustände, die man zum 
erstenmal in ihrem eigentlichen sozial-psychischen Wesen zu ahnen 
begann: und so schrieb man ihm die Aufgabe zu, Begeben— 
heiten und Gesinnungen zu schildern, während die Wiedergabe 
von Charakteren und Handlungen dem Drama zugewiesen 
blieb. Es war eine Richtung, mit der in der Tat die Anfänge
	        
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