0
Zweiundzwanzigstes Buch.
sieht er auch die Welt nur durch ihr trübes Mittel. Handelte
es sich da, bei einem solchen Helden, in der Tat nur noch um
ein Einzelbildnis? Nein — durch den Helden hindurch er—
scheint die Zeit; und eben sie, das ist der gleichsam erzieherische
und programmatische Zweck, soll durch Schilderung eines patho⸗
logischen Vertreters überwunden worden.
Und so schillert schon dieser früheste Roman Goethes aus
dem Individual- in das Sozialpsychische — wie es nicht minder
mit den Bekenntnissen einer schönen Seele, jenem verhältnis—
mäßig fruüh entstandenen Einschiebsel in „Wilhelm Meisters
Lehrjahren“, der Fall ist.
Es ist ein Zug zur höheren Ausbildung des Romans, der
eben in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ zum erstenmal volles
Leben gewinnt. Goethe hat an dem Werke, das 1795 auf
1796 veröffentlicht wurde, lange Zeit, gegen zwei Jahrzehnte,
gearbeitet; kein Wunder daher, wenn es nicht als aus einem
Gusse hervorgegangen erscheint und insofern auch den Meister
selbst nicht befriedigte. Seine entwicklungsgeschichtliche Be—
deutung wird ihm dadurch nicht genommen. Diese aber beruht
m Grunde in einem Doppelten.
Einmal wird hier zum erstenmal die Aufgabe des sub—
ektivistischen Romanes, ein Totalbild einer bestimmten Zeit
zu geben, grundsätzlich ganz erfaßt. Was Goethe beabsichtigt,
ist ein breites Gemälde seiner Gegenwart zu entwerfen: und
wwar dieser Gegenwart nicht in ihren eminenten Handlungen,
sondern in ihrem sozialpsychischen Gemeinleben, ihrem Diapason.
Es ist eine Aufgabe, die in einem individualistischen Zeitalter,
das dieses Gemeinleben kennen zu lernen noch nicht reif genug
ist, nicht einmal vorzustellen gewesen wäre. Und indem der
Dichter in dieser Absicht zu Werke geht, stellt er mit sicherem
Instinkte dasjenige Problem der zeitgenössischen Geschichte in
den Vordergrund, das damals allen Leuten von Voraussicht
als das Wichtigste erschien, das der Erziehung. Wir werden
später an anderer Stelle! hören, in welchen merkwürdigen
Im neunten Bande, Buch XXIII, Kap. I.