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Zweiundzwanzigstes Buch.
wurde dadurch, jeder Zergliederung der sinnlichen Objekte der
Außenwelt ledig und nur der Betrachtung der ästhetischen Ur—
aktualität in der Seele zugewandt, idealistisch.
Freilich, indem sie dieses Weges zog und auf ihm die
stärksten eben noch angenehmen Empfindungen, entsprechend
dem stürmischen Charakter der Zeit, zunächst in den Leiden⸗
schaften zu finden glaubte, ergab sie sich bei der Höhe ihres
Standpunktes um so leichter der Neigung zu rein sinnlich—
subjektivistischen Theorien. So hat Eberhard schon 1776 ge—
lehrt, im Grunde empfinde die Seele nur ihren eigenen Zu—
stand; darum mache es keinen Unterschied, ob sie auf Grund
eines angeschauten oder sonst sinnlich aufgenommenen Gegen⸗
standes oder nur auf Grund eigenster Regungen angenehm
empfinde. Da ist denn klar, daß solche Theorien jedes wahre
Verständnis des Kunstschaffens und Kunstgenießens aufheben
mußten. Es waren die Anfänge eines extremen Subjektivismus,
gegen die sich später Kant und Schiller erfolgreich gewendet
haben.
2. In wenn auch noch unabgeschlossenen Systemen, so doch
in entschiedenen und für sie bezeichnenden Grundlagen einer
neuen Psychologie und einer neuen Ästhetik hatte sich die neue
Welt der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges aus⸗
gewirkt. War es da wahrscheinlich, daß sie sich in solchen
Teilwirkungen erschöpfen werde? Dem Ganzen einer neuen
Weltanschauung strebte sie zu.
Und von allen Seiten schon boten sich hierzu Ansätze,
vor allem von psychologischem Gebiete her: hatten doch hier
sogar die verspäteten Wolffianer der fünfziger bis siebziger
Jahre bereits Zugeständnisse vom Boden ihrer Weltanschauung
aus gemacht, indem sie sich auf psychologisch-physiologische
Beobachtungen verlegten und die beschreibende Psychologie
(Anthropologie) weit eifriger als bisher zu pflegen, sowie deren
Ergebnisse ihrem System einzuverleiben begannen.
Allein nicht an Wolff, sondern zunächst an die tieferen
Lehren Leibnizens knüpfte die junge Gesellschaft der Empfind—