Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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und Genossen roh genug behandelt wurde, indem sie beim rein 
Außerlichen, beim Erzählen stehen blieben, ging Goethe, trotz 
romantischer und symbolischer Neigungen, die sich auch hier 
verraten, der Hauptsache nach doch schon zu einer psychologisch 
zerlegenden, naturwissenschaftlichen Behandlung über. Da wird 
denn die Entwicklung der Charaktere durchaus zum Mittel— 
punkte der Begebenheiten gemacht: und damit reicht die Ab— 
sicht und vielfach auch die Durchführung schon unmittelbar an 
die Anfänge der impressionistischen Kunst der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts heran. 
Gewiß kann bei alledem betont werden, daß die moderne 
Technik doch nicht erreicht ist. Allein wenn es richtig ist, daß 
die Welt im „Werther“ noch vielfach durch den Schleier der 
Empfindsamkeit gesehen ist, — daß im „Wilhelm Meister“ eigent⸗ 
lich nur die Theaterverhältnisse ganz plastisch dargestellt sind, 
während schon die weitere Umwelt nur im Kontur erscheint 
und gar die Linien des landschaftlichen und allgemeinen sozialen 
Hintergrundes ins Ungewisse verschwinden, — daß endlich in 
den Wanderjahren, diesem Werke des Alters, die Gestalten zu 
Schemen verblassen und in ihren Adern statt Blutkörperchen 
Abstraktionen rollen: so erscheinen die „Wahlverwandtschaften“ 
doch als das Werk, in welchem sich der Genius Goethes auch 
in der Erahndung der künstlerischen Form am weitesten nach 
borwärts gestreckt hat in neue Zeiten: und nur noch die 
psychologischen Dramen, sowie manche lyrische Gedichte, als 
psychologisches Drama auch der „Faust“, lassen sich in dieser 
Hinsicht neben ihnen nennen. 
Indem dies aber die geschichtliche Stellung dieser Werke 
war, verloren sie an Bedeutung für die eigene Gegenwart. 
Wie die Dramen, so haben auch die Romane Goethes den 
Zeitgenossen nur in beschränktem Kreise etwas gegolten — auch 
bon „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ steht das fest; nur die 
noch engen Kreise der Romantiker haben sie gefeiert —: der 
eigentliche Dichter der Nation um 1800 war Schiller. 
Schiller aber war um diese Zeit mehr wie je zuvor 
Dramatiker: und so feierte der deutsche Klassizismus, insofern
	        
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