Neue Dichtung.
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und Genossen roh genug behandelt wurde, indem sie beim rein
Außerlichen, beim Erzählen stehen blieben, ging Goethe, trotz
romantischer und symbolischer Neigungen, die sich auch hier
verraten, der Hauptsache nach doch schon zu einer psychologisch
zerlegenden, naturwissenschaftlichen Behandlung über. Da wird
denn die Entwicklung der Charaktere durchaus zum Mittel—
punkte der Begebenheiten gemacht: und damit reicht die Ab—
sicht und vielfach auch die Durchführung schon unmittelbar an
die Anfänge der impressionistischen Kunst der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts heran.
Gewiß kann bei alledem betont werden, daß die moderne
Technik doch nicht erreicht ist. Allein wenn es richtig ist, daß
die Welt im „Werther“ noch vielfach durch den Schleier der
Empfindsamkeit gesehen ist, — daß im „Wilhelm Meister“ eigent⸗
lich nur die Theaterverhältnisse ganz plastisch dargestellt sind,
während schon die weitere Umwelt nur im Kontur erscheint
und gar die Linien des landschaftlichen und allgemeinen sozialen
Hintergrundes ins Ungewisse verschwinden, — daß endlich in
den Wanderjahren, diesem Werke des Alters, die Gestalten zu
Schemen verblassen und in ihren Adern statt Blutkörperchen
Abstraktionen rollen: so erscheinen die „Wahlverwandtschaften“
doch als das Werk, in welchem sich der Genius Goethes auch
in der Erahndung der künstlerischen Form am weitesten nach
borwärts gestreckt hat in neue Zeiten: und nur noch die
psychologischen Dramen, sowie manche lyrische Gedichte, als
psychologisches Drama auch der „Faust“, lassen sich in dieser
Hinsicht neben ihnen nennen.
Indem dies aber die geschichtliche Stellung dieser Werke
war, verloren sie an Bedeutung für die eigene Gegenwart.
Wie die Dramen, so haben auch die Romane Goethes den
Zeitgenossen nur in beschränktem Kreise etwas gegolten — auch
bon „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ steht das fest; nur die
noch engen Kreise der Romantiker haben sie gefeiert —: der
eigentliche Dichter der Nation um 1800 war Schiller.
Schiller aber war um diese Zeit mehr wie je zuvor
Dramatiker: und so feierte der deutsche Klassizismus, insofern