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Zweiundzwanzigstes Buch.
er bereits den Zeitgenossen etwas bedeutete, seine größten
Triumphe eben im Drama. Gewiß waren dabei auf diesem
Gebiete neben Schiller auch noch Männer wie Iffland und
Kotzebue Lieblinge der Nation, und ihr Ruhm stand seit den
„Jägern“ etwa (1785) und „Menschenhaß und Reue“ (1789)
fest auf mehr als ein Jahrzehnt: aber doch erkannte auch schon
das größere Publikum in steigendem Maße die Überlegenheit
Schillers: und Szenen, wie sie sich in Weimar nach der ersten
Aufführung von „Wallensteins Lager“, in Leipzig nach der
Erstaufführung der „Jungfrau von Orleans“ und in Berlin
gelegentlich der Anwesenheit Schillers abspielten, sollen un—
vergessen bleiben in der Geschichte des nationalen Geschmackes.
Für das Drama des entwickelten Subjektivismus gilt im
allgemeinen der Satz, daß das Schicksal als immanent gedacht
wird: es entspricht das einem Grundzuge des subjektivistischen
Denkens, wie er sich aus den Naturwissenschaften her auch
den Geisteswissenschaften immer stärker mitteilte und bereits
auch in Kants Philosophie zutage trat. Denn wenn Kant von
Transzendenz redet und Transzendenz annimmt, so ist damit
doch nicht jene alte Transzendenz einer kausalitätslosen Dextra
manus Dei gemeint, von der das ältere Drama erfüllt war,
sondern nur die Tatsache zum Ausdrucke gebracht, daß inner—
halb der menschlichen Entwicklung neben dem Einflusse der
Sinnenwelt stetige Beziehungen unsinnlichen, geistigen Charakters
obwalten. Diese Transzendenz Kants ist also im Sinne der
älteren Transzendenz eine immanente.
Eine immanente Schicksalsidee in diesem Verstande von
Immanenz kann nun aber noch sehr verschieden gestaltet werden.
Einmal kann das Schicksal nun als sozusagen etwas Selbst⸗
verständliches gelten; es können die Ideen, die sich in ethischen
Anforderungen bei Schuld und Vergeltung, in einem Kausal⸗
nexus von großer Handlung und Katastrophe ausdrücken, wirken,
ohne als für den Charakter gerade dieses Dramas insbesondere
geltend empfunden zu werden. Dies ist der Fall, wenn das
Schicksal nichts ist als das Wirken der gewöhnlichen, seelischen
Umwelt, der Jedem gegenwärtigen Zustände, unter denen die