Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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erträglich erscheint, so wird das viel mehr der außerordentlichen 
Kunst des Dichters verdankt, Stimmungen hervorzurufen und zu 
erhalten, als der Idee des Dramas. Zudem ist bei Grillparzer 
immerhin schon eine Mischung der antiken Schicksalsidee mit 
modernen Mythologemen und daraus hervorgehenden An— 
schauungen eingetreten, die uns auch das Schicksal der „Ahn— 
frau“ näher bringt, als das der Dramen etwa Werners oder 
Müllners. 
Im ganzen wird sich sagen lassen, daß Schillers „Braut 
von Messina“ und Grillparzers „Ahnfrau“, Anfang also und 
Ende der Bewegung, noch derart von unserer Kultur an⸗ 
gehörigen Elementen durchsetzt sind, daß sie sich dem Gange 
der nationalen Entwicklung nicht entziehen: die eigentlichen 
Schicksalsdramen dagegen fallen aus ihm heraus und sind taube 
Erzeugnisse eines ins kleinliche übergeleiteten Klassizismus. 
Nicht als ob sich nicht auch unter modernen Verhältnissen 
fatalistische Uberzeugungen bilden könnten, und als ob nicht 
das Leidenschafts-Trauerspiel dazu aufforderte, sie walten zu 
lassen. Aber diesem Anreiz muß Widerstand geleistet werden, 
da der Fatalismus nicht als grundlegende Weltanschauung 
eines Zeitalters gelten kann, das die empirische Freiheit des 
einzelnen unter seine ersten Forderungen zählt und sie tatsächlich 
weithin verwirklicht hat. 
Man erkennt in diesen Zusammenhängen ein Stück der 
Grenze, die einem fruchtbaren Einwirken auch der schönen 
hellenischen Renaissance des 18. Jahrhunderts gezogen war; 
und kein Zweifel, daß Schiller in der „Braut von Messina“ 
diese Grenze zu überschreiten in Begriff war. 
Dabei ist leicht zu erraten, was ihn dazu veranlaßte. 
In den eigentlichen Schicksalstragödien läßt sich unter der 
Einwirkung fatalistischer Weltanschauung eine fortschreitende 
Schematisierung und Aushöhlung gleichsam der Charaktere be— 
merken, die deren Gestalten schon den Zeitgenossen Müllners 
und Houwaldts als bloße Schemen erscheinen ließ. Bei Schiller 
ist die Entwicklung die umgekehrte. Sein hochgespannter Idea— 
sismus und seine ganze mehr deduktive Veranlagung führten
	        
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