Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
dazu, daß er, wie jener von ihm geschilderte Typ des Idea— 
listen, vor der Menschheit die Menschen nicht sah, daß er, bei 
aller realistischen Schilderung im einzelnen, seine Gestalten 
weniger nach einer rein konkreten Einbildung, nach Vorstellungen 
eines innigen inneren Schauens, als nach den Bedürfnissen 
der Fabel schuf. So wurden sie ihm zu strengeren Typen, 
als dies der Idealisierungstrieb des Klassizismus an sich er— 
forderte, und zu ihrer Ergänzung bedurfte es daher, um die 
Fabel vorwärts zu treiben, eines unerbittlich folgerichtigen, 
eines peitschenden Schicksals. 
Wie sehr sich hier Fragen der dramatischen Okonomie und 
der Weltanschauung bei Schiller zu einem nicht immer leicht 
zu entwirrenden Knäuel verknüpften, wird am anschaulichsten 
durch die Tatsache, daß der Dichter gelegentlich doch auch ein 
freundliches, minder hervortretendes, gleichsam realistischeres 
Schicksal gekannt hat. So vor allem im „Tell“. 
Im „Tell“ tritt die Schicksalsidee überhaupt zurück; die 
Handlung ist mittelalterlich, mittelalterlich und teilweise selbst 
mythisch auch die Charaktere: wie konnte man sie ganz unter 
die Weltanschauung ihrer Zeit stellen, sollten sie Seele und 
Herold sein einer Entfaltung moderner Freiheitsgedanken? So 
verläuft denn die Fabel gut chronikenartig, wenn auch unter 
dem Gedanken der Sittlichkeit jeder Freiheitserhebung für die 
ursprünglichsten gemeinsamen Güter der Menschheit, für Haus 
und Familie, und die Seele des Haupthelden, Tells, atmet 
zum Schlusse frei, wie die seines Volkes, und ohne ein Gefühl 
iittlicher Verschuldung. 
Diese Weite und Ferne zugleich der Schicksalsidee hat 
dann eine Ausgestaltung des Stückes ermöglicht, mit der in 
die Entwicklung des deutschen Dramas ganz andere Motive 
geworfen wurden, als sie die Nachahmung der Alten nahe ge— 
legt hatte: Motive der Zukunft. Wo hätten die Alten nicht 
gern die Zahl der Personen beschränkt, sie innerlich gegen— 
gewogen, nur wenige von ihnen plastisch hervorgehoben, die 
anderen dagegen in einem gleichsam symmetrisch geordneten, 
aach beiden Seiten verlaufenden Relief zurücktreten lassen?
	        
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