Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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Hier aber erhebt sich ein ganzes Volk; und so ist die Symmetrie 
der Gestalten nicht die des alten Reliefs mit seinem pyrami⸗ 
dalen Aufbau der Konturen, sondern die dynamische der Licht— 
malerei etwa, die Symmetrie eines Rubens und Rembrandt: 
Massen werden Massen gegenübergestellt, breit ist der Hinter⸗ 
grund belebt; es handelt, wer zu handeln den Drang hat, 
und er handelt, bei aller an der Antike gebildeten Sprache, 
nicht so sehr schön als charakteristisch. So ist denn im Grunde 
alles deutsch und national: und das große sozialpsychische 
Schauspiel des 19. Jahrhunderts wird angebahnt. 
Und wie hat Schiller diese Masse dirigiert, wie als ruhiger 
Kapellmeister gleichsam die herben und die zarten Melodien dieser 
dramatischen Symphonie ertönen lassen. Denn auch hier, ja 
wiederum hier erst recht war er in seinem Elemente. Einsam 
stand er über Gegenstand und Personen in gleichsam deduktiver 
Höhe, die einzelne Gestalt war ihm hier ein Klang, ein Ton, deren 
mehrere erst Melodie und Stimmung ergaben; mit zwei Worten, 
scharf, schlagend mußte sie hingestellt werden im Verein mit 
inderen: und dies eben war die Kunst der Personenzeichnung 
des Dichters. Dazu welch reiche Anlage der Szenen! Von 
jeher schon, und erst recht in dem letzten, —VVD0 
seines Lebens, liebte Schiller das Bunte, Wechselvolle der 
Handlung, war er gewöhnt, mit starken szenischen, ja ent⸗ 
schiedenen die ganze Handlung durchziehenden Kontrasten zu 
arbeiten. So hat er schon die „Wallenstein“-Trilogie wesentlich 
mit auf den Gegensatz des Idealismus und des Realismus, 
des Rührenden und des Heroischen, Maxens und Wallensteins 
aufgebaut, um das zu erreichen, was er bedeutungsvoll Totalität 
des Menschlichen nannte. Und wie hat er diese Kunst, die 
verwickelten Szenenbau erforderte, von Drama zu Drama ge— 
steigert, bis er im, Demetrius“ mit einem durch den ganzen Auf⸗ 
bau künstlerisch hindurchgeführten Stimmungswechsel operiert, 
der an die komplizierte Lichtführung barocker Palast⸗ und 
Kirchenbauten erinnert. 
Das Musterstück aber in dieser Hinsicht ist der „Tell“. 
Wie breit ist hier zunächst der landschaftlich-geographische
	        
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