Neue Dichtung.
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fassen, daß sich das deutsche Theater in einer Schlußepoche
hefinde, wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet sei,
daß sie keinem einzelnen Orte mehr angehören, von keinem be⸗—
sonderen Punkte mehr ausgehen könne. Und was dabei Publikum
und Dichter zusammengeführt hatte, war am Ende doch die
allgemeine Haltung des Idealismus gewesen, die sittliche Über⸗
zeugung, daß es Schöneres nicht gebe, als zu Idealen eines
hohen Lebens ausgeweihte Gestalten unter dem Walten eines
sittlichen Determinismus, als „in der schönen Form die schöne
Seele“. In dieser Form hat denn auch das Andenken Schillers
namentlich fortgelebt: es sind nicht so sehr die Dichtungen an
sich gewesen, die spätere Geschlechter immer und immer wieder
anzogen, als vielmehr die energische sittliche Persönlichkeit, die
hinter diesen Dichtungen stand, der idealistische, gleichsam schon
erdentrückte Charakter, der auch da durchleuchtete, wo die
dramatische Problemstellung vielleicht nicht in dem reinsten Feuer
des vollendeten Diamanten strahlte. Ja, als Persönlichkeit vor
allem lebt Schiller noch heute fort und wird er der Nation
fortleben vor allem in Zeiten politischer Katastrophen und all—
mählicher Übergänge zu höherer seelischer Reife: dann, wenn
tiefere Sehnsuchten auftauchen und weitere Lebenswahrheiten
gesucht werden.