570 Zweiundzwanzigstes Buch.
der nordgermanischen Holzarchitektur, sowie mit Unterstützung
der schriftlich erhaltenen Nachrichten immerhin noch eine gewisse
Vorstellung machen. Und da ergibt sich, daß Plastik und
Ornamentik, letztere als Anfang aller malerischen Darstellung,
der Baukunst dienstbar gemacht waren: diese führte, Bildnerei
und Malerei dienten ihr, und sie vermochten das um so eher,
als sie nach unserer Terminologie rein ornamentalen, also dekora⸗
tiven Charakters waren.
Im 12. und 18. Jahrhundert, in der Ausgangszeit des
romanischen Stils und in der Periode des Überganggsstils,
finden sich Erscheinungen verwandter, nur entwicklungs—
geschichtlich mehr fortgeschrittener Natur. Auch damals stand
die Baukunst auf der Höhe einer Entwicklung von bestimmten,
einfachen Formen, die seit dem 9. und 10. Jahrhundert auf—
tauchten; auch damals diente die Bildnerei dem Schmuck des
Baues und war da, wo sie diesem ferne stand und in sich
freier wurde, in ihren Stilelementen vom Baue abhängig;
und auch damals trat die Malerei, nun schon zu vollendeter
Wiedergabe der Umrisse der Erscheinungswelt entwickelt, gerade
in ihrer höchsten und edelsten Ausbildung als Wandmalerei in
den Dienst der Baukunst.
Zeigen die beiden späteren Perioden, die der ausgehenden
Gotik und des Barocks wie des Rokokos, andere Merkmale?
Keineswegs; um nur einige auffälligste Tatsachen zu erwähnen,
so ist dort die Überhöhung der menschlichen Statur in der
Malerei und Plastik eine Folge der Entwicklung der Baukunst,
und ergibt sich hier die Entartung der Bildnerei zur bloßen
Zierkunst und die Aufnahme hellerer Farbenstimmungen in der
Malerei als ein Moment in der Abwandlung des barocken
Baustils zum Rokoko!.
Was aber diese Erscheinungen der vier verschiedenen Zeit⸗
alter miteinander verbindet, ist der Umstand, daß das Gesamt—⸗
kunstwerk jedesmal am Schlusse einer längeren, in sich gleich—
mäßigen Entwicklung unter der Herrschaft der Baukunst ein⸗
Val. Bd. VII. I. S. 208.