Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
571 
txitt. Man führe dagegen nicht die Zeit des Barocks und des 
Rokokos an; Barock und Rokoko und nicht die Renaissance 
sind eigentlich erst die der Absicht nach vollgültigen modernen 
Aneignungsformen der Antike; und die Baumeister der großen 
Dome des 17. Jahrhunderts wie der Paläste des 18. haben 
durchaus im Sinne der Alten, etwa nach den Lehren Vitruvs, 
zu schaffen geglaubt. 
Und ist denn eine solche Entwicklung nicht an sich leicht 
erklärlich? Die Architektur ist diejenige der bildenden Künste, 
die dem Raumgefühl der anderen Künste erst kuünstlerisch Maß 
und Ziel setzt; nur sie vermag darum den umschließenden 
Rahmen eines Gesamtkunstwerks zu bilden. Zugleich ist sie 
aber auch diejenige Kunst, die am meisten am Bedürfnisse 
klebt; der wechselnde Raumbedarf und die großen Wandlungen 
unterworfene Raumanschauung der einzelnen Zeitalter ist für 
sie, abgesehen von der eigentlichen Entwicklung des künstlerischen 
Sinnes, maßgebend. Diese Bedurfnisse aber entfalten sich 
innerhalb eines bestimmten Zeitalters nur langsam zu völliger 
Klarheit, und ihre volle architektonische Bewältigung setzt nicht 
bloß die Reife einer durch lange Zeiträume erwachsenen gleich— 
mäßigen Kultur voraus, sondern auch noch ein instinktives 
Wahrnehmen und Übertragen dieser Reife in tektonische Ge⸗ 
danken und bauliche Anschauung. 
Es ist ein Zusammenhang, der zugleich weiter führt. Volle 
Entwicklung eines Baustils und damit Möglichkeit eines Gesamt⸗ 
kunstwerks ist nach alledem nicht bloß Sache günstiger künstlerisch⸗ 
individueller Entwicklung; beide Erscheinungen können sich an— 
scheinend nur gegen den Reifezustand eines ganzen Kultur⸗ 
zeitalters, gegen Ende einer in sich geschlossenen Kultur, einer 
ablaufenden Periode seelischen Gesamtlebens einstellen. In der 
deutschen Geschichte wenigstens sind diese Zusammenhänge un⸗ 
mittelbar anschaulich. Das Gesamtkunstwerk der Urzeit steht 
am Schluß des Zeitalters symbolischen Geisteslebens; das 
romanische und gotische Gesamtkunstwerk grenzt die beiden 
Perioden mittelalterlich gebundenen Geisteslebens, des typischen 
wie des konventionellen, gegen die ganz andere Entwicklung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.