Bildende Kunst und Musik.
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txitt. Man führe dagegen nicht die Zeit des Barocks und des
Rokokos an; Barock und Rokoko und nicht die Renaissance
sind eigentlich erst die der Absicht nach vollgültigen modernen
Aneignungsformen der Antike; und die Baumeister der großen
Dome des 17. Jahrhunderts wie der Paläste des 18. haben
durchaus im Sinne der Alten, etwa nach den Lehren Vitruvs,
zu schaffen geglaubt.
Und ist denn eine solche Entwicklung nicht an sich leicht
erklärlich? Die Architektur ist diejenige der bildenden Künste,
die dem Raumgefühl der anderen Künste erst kuünstlerisch Maß
und Ziel setzt; nur sie vermag darum den umschließenden
Rahmen eines Gesamtkunstwerks zu bilden. Zugleich ist sie
aber auch diejenige Kunst, die am meisten am Bedürfnisse
klebt; der wechselnde Raumbedarf und die großen Wandlungen
unterworfene Raumanschauung der einzelnen Zeitalter ist für
sie, abgesehen von der eigentlichen Entwicklung des künstlerischen
Sinnes, maßgebend. Diese Bedurfnisse aber entfalten sich
innerhalb eines bestimmten Zeitalters nur langsam zu völliger
Klarheit, und ihre volle architektonische Bewältigung setzt nicht
bloß die Reife einer durch lange Zeiträume erwachsenen gleich—
mäßigen Kultur voraus, sondern auch noch ein instinktives
Wahrnehmen und Übertragen dieser Reife in tektonische Ge⸗
danken und bauliche Anschauung.
Es ist ein Zusammenhang, der zugleich weiter führt. Volle
Entwicklung eines Baustils und damit Möglichkeit eines Gesamt⸗
kunstwerks ist nach alledem nicht bloß Sache günstiger künstlerisch⸗
individueller Entwicklung; beide Erscheinungen können sich an—
scheinend nur gegen den Reifezustand eines ganzen Kultur⸗
zeitalters, gegen Ende einer in sich geschlossenen Kultur, einer
ablaufenden Periode seelischen Gesamtlebens einstellen. In der
deutschen Geschichte wenigstens sind diese Zusammenhänge un⸗
mittelbar anschaulich. Das Gesamtkunstwerk der Urzeit steht
am Schluß des Zeitalters symbolischen Geisteslebens; das
romanische und gotische Gesamtkunstwerk grenzt die beiden
Perioden mittelalterlich gebundenen Geisteslebens, des typischen
wie des konventionellen, gegen die ganz andere Entwicklung