5723 Zweiundzwanzigstes Buch.
der Neuzeit ab; Barock und Rokoko erzeugen in Kirchen und
Palästen Gesamtkunstwerke gegen Schluß des individualistischen
Zeitraums.
Wer möchte unter diesen Verhältnissen in der Frühzeit
eines neuen Seelenlebens, in den Anfängen des Subjektivismus,
alsbald ein neues Gesamtkunstwerk erwarten! Die reizvolle
Harmonie des Rokokos, in der im Grunde nicht allein Bildnerei
und Malerei und Architektur ein Kunstwerk gebildet hatten, in
der das Leben selbst ein großes Kunstwerk geworden zu sein
schien, sie war unwiederbringlich dahin; und selbst auch nur
für die Baukunst war eine Lösung der großen Probleme der
neuen Zeit in absehbaren Jahren nicht zu erhoffen. Tritt doch
erst die Gegenwart, und das heißt etwa die fünfte und sechste
Generation innerhalb des neuen Zeitalters des Subjektivismus
den schweren Fragen einer unserer Psyche angemessenen archi⸗
tektonischen Stilbildung nahe; und haben sich doch erst etwa
in den letzten zwei Generationen die neuen Raumbedürfnisse
für eine solche Stilbildung entwickelt.
Die Kunst, die dem neuen Geistesleben zunächst greifbar
inschauliche Richtung wies, war die Malerei.
2. Schon seit dem 15. und 16. Jahrhundert war der
Malerei die Aufgabe zugefallen, neue Formen des Seelen—
lebens zuerst anschaulich zu entwickeln. Warum eben sie diese
Rolle spielte und nicht die Bildnerei, das erklärt sich ohne
weiteres aus den einfachsten Momenten ihrer Geschichte im
Verhältnis zur Geschichte der Plastik.
Was bezwecken die bildenden Künste im engeren Sinne,
Malerei und Bildnerei? Sie wollen die verwickelte Welt der
Erscheinungen, die sich vor unserem Auge ausbreitet, von
neuem darbieten, sei es mit der Absicht bloßer schöpferischer
Wiedergabe, sei es vor allem in dem Bestreben, deren eigent—⸗
liches, tieferes, über den Eindruck der einzelnen Erscheinung
hinausgreifendes, typisches Bild in persönlicher Belebung und
Umdeutung zu gewinnen. Ist diese doppelte Absicht des künstle—
rischen Schaffens, die naturalistische und die idealistische, über