Bildende Kunst und Musik. 573
alle Zeitalter hin, wenn auch nicht in stets gleich ernster und
ausgedehnter Ausbildung zu verfolgen, so ergibt sich doch leicht,
daß es dabei für den entwicklungsgeschichtlichen Verlauf vor—
aehmlich auf die naturalistische Richtung ankommt. Denn will
man einen Kanon idealistischer Kunst aufstellen, sieht man den
Typ persönlichen oder allgemein-stilistischen Charakters in der
Flucht der unendlich wandelbaren Erscheinungen, so muß man
erst die zur Zeit schon erreichte oder erreichbare Herrschaft über
deren Wandelbarkeit besitzen, soll das Ergebnis anders das
eines wirklich „auf der Höhe der Zeit“ stehenden Idealismus
sein. Höchstes naturalistisches Ausdrucksvermögen ist darum
unumgängliche Voraussetzung jedes wahrhaftigen und ernsten
Idealismus; und zu allen Zeiten sind wirklich große Meister
dealistischer Kunst für ihre Zeit auch meisterhafte Naturalisten
zgewesen: so in der deutschen Kunst die großen Miniaturisten
der karolingischen Zeit, eine Herrad von Landsberg, ein Dürer
und Rembrandt, ein Klinger.
Darauf also kommt es bei einer kunstgeschichtlichen Auf—
fassung an, die den Namen einer entwicklungsgeschichtlichen
berdienen will, daß vor allem die Entwicklungsstufen des
Naturalismus, d. h. der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit für
die möglichst genaue Wiedergabe der äußeren Erscheinungs—
welt, in den einzelnen Zeitaltern klar und zweifelsohne auf—
gesucht und festgestellt werden.
Nun unterliegt es aber keinem Zweifel, daß, rein physio⸗
logisch betrachtet, der Netzhaut des menschlichen Auges zu jeder
Zeit ein vollkommenes Bild der Erscheinungswelt in ihren Um—
rissen, in ihrer farbigen Buntheit, in ihrer Durchwobenheit
mit tausend und abertausend Widerscheinen des Lichts ver—
mittelt worden ist. Die Frage ist nur die, ob die Menschen
aller Zeiten sich dieses Bild in gleicher Weise zum anschanu⸗
lichen Bewußtsein gebracht haben. Daß auf diesem Gebiete
zunächst ganz im allgemeinen große individuelle Verschieden⸗
Jeiten bestehen, unterliegt keinem Zweifel; der eine sieht bei
weitem mehr als der andere; es gibt Maleraugen und deren
Gegenteil.