74
Zweiundzwanzigstes Buch.
Aber es besteht auch ein genereller Unterschied der Zeit—
alter. Man hat ihn wohl schlechtweg als „undenkbar“ leugnen
wollen — als wenn er nicht schon durch die noch heute be—
stehende individuelle Verschiedenheit als möglich gesichert wäre.
Daß er aber und inwiefern er besteht, das lehrt die geschicht—
liche Erfahrung, und diese Erfahrung zur Grundlage histo⸗
rischen Verständnisses der Kunst zu machen ist Aufgabe einer
wirklichen Kunstgeschichte, die nicht in dem Erzählen von Ge—
schichten aus dem Leben großer Künstler oder in rein sub—
jektiven und impressionistischen Schilderungen einzelner Maler—
ndividnalitäten aufgehen will. Und da ergibt sich denn, daß das
Auge selbst der begabtesten Künstler früher kulturgeschichtlicher
Zeitalter von dem, was wir — geschweige denn unsere Künstler —
von der Erscheinungswelt in wirklich anschaulichem Bewußtsein
in uns aufnehmen, nur gewisse Teile sah: daß also im Laufe
der Generationen eine ungeheuere Schulung bewußten Sehens
ganz allgemein, vor allem aber bei den Künstlern und den
künstlerisch interessierten Volksteilen eingetreten ist. Von dieser
Entwicklung des Sehens vornehmlich, in minderem Maße erst
von der Möglichkeit, das Gesehene nun auch im Stoffe wieder—
—U0
geschichte ab.
Die Kunstgeschichte ordnet sich damit der allgemeinen Ge—
schichte des Lebens ein; denn es ist ein unbestrittener Satz der
Biologie, daß sich die finnliche Empfindung und mit ihr das
Bewußtseinsmaterial, in dem sich das Sein darstellt, um so
mehr differenziert, zu je höheren Formen die Organismen auf—
steigen!.
Anfangs freilich mag das künstlerische Auge dem Durch—
schnittsauge ziemlich gleich gewesen sein; wie dieses, mag es
nur nach kleinen Teilen und Ausschnitten dessen, was auf der
Netzhaut physiologisch gegeben ist, geurteilt haben: nach ge—
wissen Licht- und Schattenpartien, vagen Farbeneindrücken,
oornehmlich wohl nach gewissen charakteristischen Momenten
Vgl. dazu u. a. C. Fiedler. Schriften über Kunst S. 238.