Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
der Wirklichkeit nahekommende Wiedergabe der Lokalfarbe 
noch nicht völlig gesichert war. Die älteren Zeiten hatten, 
soweit überhaupt die Farbe zur Füllung der Ornamente und 
damit zur stärkeren Betonung des Flächenmäßigen herangezogen 
wurde, nur eine ornamentale Palette gekannt: Farben, deren 
Bukett der Wirklichkeit ferne lag, aber einen an sich harmo— 
nischen Eindruck vermittelte: Schwefelgelb und Zinnober, 
Schwarz und Weiß, Grün und Gold: und aus dieser Palette 
her waren je nach dem Bedürfnis der Farbensymphonie orna⸗ 
mentale Vögel bald grun und gelb, ornamentierte Pferde bald 
rot und golden und alle Gegenstände gelegentlich wohl auch 
in der eigenen Lokalfarbe gemalt worden. 
War dies das grundsätzliche Wesen der rein nationalen 
Kunst bis ins 11. Jahrhundert, nur daß bis zum 7. und 
8. Jahrhundert die Ornamentierung des Umrisses um vieles 
allgemeiner und die Farbengebung um vieles ornamentaler er⸗ 
schien als später, so bringen die letzten Jahrhunderte des Mittel— 
alters den Fortschritt vom ornamentalen zum konventionellen 
Umriß und von der ornamentalen zur wirklichen Lokalfarbe: 
in leisen Übergängen vollzieht sich die Wandlung, bis zu Be⸗ 
ginn des individualistischen Zeitalters der Gewinn des rea— 
listischen Umrisses abgeschlossen zutage tritt. 
Und schon war man seit dem 12. Jahrhundert etwa auch 
nach anderen Seiten hin über die ältere Entwicklung hinaus— 
gegangen. Man hatte in den konventionell gehaltenen Dar— 
stellungen der Gegenstände, der Menschen, Tiere, Pflanzen, 
der Berge, des Erdbodens zu modellieren begonnen; die dem 
Zeichner näher liegenden Partien waren zumeist als Vichtteile 
heller, die entfernteren dunkler gehalten und wohl auch 
schraffiert worden: das Gefühl der Ausdehnung in die Tiefe 
war aufgetreten: und rasch nahm die Praxis der Modellierung 
zu, bis sie um die Wende des 15. Jahrhunderts durch Auf— 
hellung in Weiß oder Gelb oder gelegentlich auch in die 
Komplementärfarbe zur Lokalfarbe (z. B. in Rosa zu Grün) 
sowie durch Schwärzung der Schattenpartien einen gewissen 
Abschluß erhielt.
	        
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