Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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Das deutliche Gefühl des Raumes war da; der Gegen⸗ 
stand erschien in den drei Dimensionen; kein Wunder, daß 
auch die Einordnung der Gegenstände in den Raum Fort— 
schritte gemacht hatte. Die Anfänge einer wirklichen Linear⸗ 
perspektive hatten sich gleichzeitig mit dem realistischen Umriß 
entwickelt; ja in der blauen Färbung der Gegenstände des 
Hintergrundes war man bis zu den ersten Elementen der Luft⸗ 
perspektive gelangt. 
Aber die wichtigeren Feinheiten der Einordnung der 
Gegenstände in den Raum zu sehen und künstlerisch wieder⸗ 
zugeben war doch erst dem 16. bis 18. Jahrhundert vor⸗ 
behalten. Insbesondere wurden jetzt die Probleme der Linear⸗ 
perspektive bis zu jener raffinierten Ausnutzung ihrer Kenntnis 
gelöst, welche die Decken⸗, namentlich die Kuppelmalereien des 
Barocks und noch mehr des Rokokos aufweisen. Indes die 
größten Schwierigkeiten zeigten sich nun doch auf anderen Ge— 
bieten als dem des Umrisses. 
War der Raum nicht lichtdurchflossen? Hielten ihn nicht 
recht eigentlich die leisen feinen Elemente der Luft, die Nebel⸗ 
bläschen mit ihren direkten Reflexen des sie durcheilenden direkten 
Sonnen⸗, Mond⸗ oder künstlichen Lichts und mit ihrer unend⸗ 
lichen Summe von Widerscheinen von den lichtreflektierenden 
Gegenständen her zusammen — waren nicht sie es, dieses rätsel⸗ 
hafte „Ambiente“ der Gegenstände, was in der Malerei vor 
allem wiederzugeben war, um dem Raume gerecht zu werden? 
Hier traten Fragen auf, deren Neuheit die Maler seit dem 
16. Jahrhundert recht eigentlich beschäftigte; hier galt es der 
Natur näher zu kommen, als je, und mit ihr um ihre intimsten 
Reize zu ringen. 
Es versteht sich, daß die Bildnerei diesen Weg nicht un⸗ 
mittelbar gehen konnte. Der Umriß und die drei greifbaren 
Dimensionen des Gegenstandes sind zunächst die Grenzen der 
Plastik; darum hatten sich, solange es sich allein um sie han— 
delte, Malexei und Plastik parallel nebeneinander entwickelt. 
Jetzt dagegen erzwang sich das künstlerische Auge Eintritt in 
Gebiete, in die vorzudringen der Plastik höchstens auf Um— 
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