580 Zweiundzwanzigstes Buch.
nach Absicht und Bedürfnis zu dirigieren: hier zuerst erschien
daher das Problem der Lichtwiedergabe wirklich faßbar.
Die erste augenscheinlich tonige Landschaft im Bereiche der
deutschen Kunst zeigt das Genter Altarwerk der van Eycks;
es bildet in so früher Zeit, um die Wende des ersten Viertels
des 15. Jahrhunderts, eine durch besondere Momente be—
gründete Ausnahme; im allgemeinen hat man tonige Bilder
erst im 16. Jahrhundert gemalt. Der deutsche Meister des
Helldunkels, der größte Meister dieser Art des Malens über—
haupt, ist dann Rembrandt gewesen. Aber auch Rubens steht
entwicklungsgeschichtlich auf dem Boden des Helldunkels. Und
Süd- wie Nordniederländer des 17. Jahrhunderts malten im
Sinne dieser beiden Meister und schufen so selbst dann, wenn
sie Landschaften oder Marinen malten: Erde und Meer sind
ihnen sozusagen große Innenräume, die zur Ermöglichung
dieser Fiktion fast ausnahmslos bei bedecktem Himmel nur durch
einige Wolkendurchlässe wie gleichsam durch Fenster erleuchtet
erscheinen —: nur ganz wenige Meister haben sich dauernder
und noch keiner durchaus diesem Schema entzogen.
Erschien damit das Problem der freien Raumwiedergabe
im Flusse von Licht und Luft gelöst? — Die Gegenwart steht
noch unter der frischen Erfahrung, daß es nicht an dem war.
Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts hat, um es hier
nur ganz allgemein zu bezeichnen, etwa bis 1870 überwiegend
noch nach der Methode des Helldunkels gemalt. Dann aber
brach eine neue Methode zu malen nicht mehr abwendbar
hervor, die Freilichtmalerei; und sie hat in den nächsten Jahr—
zehnten, noch vor Schluß des 19. Jahrhunderts, gesiegt. Es
ist der Versuch gemacht worden, Luft und Licht des unbedeckten
Raumes im künstlerischen Auge aufzufangen und ihren Ein—
druck auf die Leinwand zu bringen. Es war zweifelsohne ein
großer entwicklungsgeschichtlicher Fortschritt.
c. Aber dieser Fortschritt scheint, bei einem Blick auf die
Einzelheiten der Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert,
nicht in einfacher, ruhiger Weiterentwicklung aus dem Hell—