582 Zweiundzwanzigstes Buch.
Es wäre also falsch, wenn man von einem gleichsam zeit- und
voraussetzungslosen Studium der Malerei des 14. bis 16. Jahr—
hunderts bei den Meistern des 19. Jahrhunderts sprechen
wollte; sie standen entwicklungsgeschichtlich höher; nicht als an
sich und entwicklungsgeschichtlich unerreichbar, sondern nur als
aus besonderen, bald zu erörternden Gründen vorzuziehen haben
sie die Kunst früherer Zeiten nachgeahmt.
Seit den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahr—
hunderts aber begann dann eine noch viel bewußtere Nach—
ahmung der alten Meister: so des Rubens und seiner zeit—
genössischen Landsleute bei den Vlaemen, bei Feuerbach und
Makart der Venezianer, bei Lenbach schließlich aller alten Kunst.
Man stand jetzt auf mindestens gleichem Boden mit diesen,
und man lernte von ihnen wie von hochbegabten Kollegen.
Daß aber die Entwicklung des 19. Jahrhunderts bis dahin
gleichwohl nicht bloß ein Repetitionskurs alter Malerei gewesen
ist, das bezeugt, abgesehen von der allgemeinen historischen
Erfahrung, schon die besondere Tatsache, daß die Meister des
Umrisses wie des Farbenrealismus in ganzen großen Richtungen
dennoch Eigenes in die Kunstgeschichte eingebracht haben: so die
Umrißmeister die heroische Landschaft, die Farbenmeister die
Symphonie Makarts und verwandter Künstler und den Neu—
idealismus teilweise noch Feuerbachs und Böcklins.
Dann aber, nach dem Realismus der dreißiger bis sieb—
ziger Jahre, kam das völlig Neue des 19. Jahrhunderts, nahten
die Zeiten der Freilichtmalerei und des Impressionismus. Es
ist eine Malerei, in der, je mehr Nachdruck auf die Wieder—
gabe des Lichtes gelegt wird, um so mehr die dargestellte Er—
scheinung nur ihren allgemeinsten Eindrücken und Formen nach
gegeben werden kann. Wird aber diese Möglichkeit bis in die
äußersten Konsequenzen ausgenutzt, so bedürfen eben gerade
diese allgemeinsten Formen der scharfen Umziehung im Umriß.
Eine sehr merkwürdige Entwicklung, wie wir sie z. B. in dem
modernen Plakatstil vor sich gehen sehen; eine Entwicklung,
die bis zur Aufnahme rein ornamentaler Formen der Licht—
bewältigung führen kann: denn Lichteindrücke in ihren ein—