Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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fachsten Grenzen umrissen, erhalten eben einen ornamentalen 
Charakter. Wurden nun aber die Folgen dieser Entwicklung 
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für die modernste Malerei gerade auf Grund ihrer modernsten 
Prinzipien wieder eine ornamentale Form — eine Form wie 
die der Urzeit! Und in der Tat: die moderne Ornamentik, 
die aus diesen Beziehungen hervorgegangen ist, und nicht 
minder die moderne symbolische Malerei, soweit sie bis zu 
ornamentalen Konsequenzen fortschreitet, hat eine nicht un— 
bedeutende Anzahl von Berührungspunkten mit dem ältesten 
nationalen Malstil, mit der Ornamentik der deutschen Stammes— 
zeit und der Jahrhunderte der Karlinge. 
Wir stehen hier vor einer eigentümlichen Tatsache, die um 
so genauer ins Auge gefaßt zu werden verdient, als sie nicht 
isoliert dasteht und Beobachtungen zu vertiefen geeignet ist, die 
schon im Beginne dieses Kapitels gestreift wurden. Eine große 
Anzahl von Kulturerscheinungen gerade des modernsten, sich 
immer stärker entfaltenden subjektivistischen Zeitalters erinnern 
an analoge Erscheinungen der urzeitlichen, symbolischen Kultur— 
periode. So, um nur einiges zu erwähnen, die Tendenz zu 
genossenschaftlichem Zusammenschluß, die massivere religiöse 
Innigkeit, wie sie namentlich dem Aufschwunge der mittelalter— 
lichen, katholischen Kirche zugute kommt, die von der Wissenschaft 
begünstigte Neigung zu einer pantheistischen oder panpsychischen 
Weltanschauuug, und das Drängen der darstellenden Künste zur 
Vereinigung von Musik, Dichtung und Mimik in einem einzigen 
Ausdruck. Es sind Züge, die auch sonst reife Kulturzeitalter in 
der Geschichte anderer Nationen gezeigt haben; allgemein liegen 
— D 
sucht hoher Kulturen nach Natur und Ursprünglichkeit, nach 
der Kombination einer überhitzten Zivilisation mit der frischen 
Atmosphäre der Urzeiten zugrunde: — jenen Neigungen, welche 
das moderne deutsche Kulturzeitalter von dem männlichen Rufe 
Hallers nach der Einfachheit des Alpenbewohners an bis zu dem 
müden Lechzen nach Uranfänglichem aufweist, wie ihn populär 
etwa der Titel der Zeitschrift „Jugend“ ausspricht.
	        
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