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Zweiundzwanzigstes Buch.
auch gelegentlich zu den anderen wichtigsten bindenden Formen
der späteren Entwicklung: zum konventionell oder realistisch
gehaltenen, jedenfalls aber stark betonten Umriß, zur Ton⸗
malerei, zum Werkstattlicht und zu den aus diesen natura—
listischen Ausdrucksmitteln jeweils abgeleiteten idealisierenden
Stilformen der romanischen Kunst, der Gotik, der italienischen
Früh- und Hochrenaissance, der deutschen Renaissance, der nord⸗
und südniederländischen Malerei, ja auch des Rokokos und des
Empire.
Kann man unter diesen Umständen die Malerei des
19. Jahrhunderts vom Historismus „durchseucht“ nennen?
Gewiß hat der Historismus teilweise zu unselbständiger Nach—
ahmung verführt und dann die freie künstlerische Entfaltung
der Individuen beeinträchtigt; anderseits aber hat er der Ten—
denz einer zum Verfall geneigten, anscheinend an der äußersten
Grenze der möglichen Ausdrucksmittel angelangten Kunst bin⸗—
dende Formen früherer Zeit rettend zur Verfügung gestellt.
Aber freilich läßt sich in diesem Zusammenhange überhaupt
nicht mehr von reinem Historismus reden, denn die alte Form
wurde selbstverständlich grundsätzlich eine andere, sobald sie in
moderner Anwendung neuen Absichten und Zwecken diente.
Was aber für die Malerei auf diesem Gebiete galt, das galt
auch für die anderen bildenden Künste, für Bildnerei und
Baukunst: galt für sie um so mehr, als sie in ihren Ausdrucks—
mitteln konservativer blieben, da sie den Umriß überhaupt nicht
oder nur sehr schwer auflösen konnten, während die Freilicht—
malerei ihn zerstörte, — und doch den Einflüssen dieser Malerei
als der führenden Kunst unterlagen.
d. Ist denn aber die Voraussetzung, daß die Kunst—
geschichte im Grunde nur eine Geschichte der künstlerischen
Ausdrucksmittel sei, überhaupt richtig? Wird nicht oft genug
von Künstlern selbst geltend gemacht, die Kunstgeschichte sei
nur eine Geschichte der Technik, von Laien und auch von
Historikern, sie sei mindestens zum Teil auch eine selbständige
Geschichte der künstlerischen Inhalte? Und gibt es nicht eine