Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweiundzwanzigstes Buch. 
diese Techniken den künstlerischen Ausdruck stark bestimmt 
yaben. 
Allein nicht darum handelt es sich, ob die Techniken 
überhaupt auf den Ausdruck einwirkten: das vielmehr ist die 
Frage, ob sie hier, in diesem besonders hervorragenden Falle, 
wie sonst imstande gewesen seien, ihm eine neue Richtung zu 
geben, ihn qualitativ entscheidend zu ändern. Diese Frage aber 
muß vor dem Forum jeder tieferen historischen Erfahrung ver⸗ 
neint werden. Der Übergang z. B. von bloßer Umriß- und 
Lokalfarbenkunst zur Tonmalerei und den darauffolgenden Er— 
scheinungen mag durch die Olmalerei beschleunigt worden sein; 
hervorgerufen durch sie wurde er nicht. Der Beweis für diese 
Auffassung ist schon in der Tatsache gegeben, daß nach der 
Tonmalerei der van Eycks viele Maler in Ol gemalt haben, 
ohne darum Ton zu haben; hatten die van Eycks oder 
wenigstens der eine der Brüder Ton, so war das eine Folge 
der besonderen Feinheit ihres Künstlerauges, die zudem noch 
durch einen besonderen Umstand, nämlich die Kenntnis anderer 
als südniederländischer Landschaften, also durch das überaus 
wertvolle Mittel des Vergleichs verschiedener malerischer Ob⸗ 
jekte gestärkkt worden war. Die Ursache der Tonigkeit der 
Landschaft des Genter Altarwerks liegt also nicht in der Tat— 
sache, daß sie in einer neuen Technik gemalt ist, sondern in 
der besonders hohen Begabung ihres Schöpfers für die Emp⸗— 
findung des Tonigen in der Landschaft, mithin in einem 
seelischen Werte. 
In dem hier nachgewiesenen Zusammenhange aber er— 
halten wir überhaupt erst den Schlüssel zum Verständnis des 
Wertes von Inhalt und Technik des Kunstwerks in der kunst— 
geschichtlichen Entwicklung. Sind — so dürfen wir jetzt 
fragen — die Gabelung der Malerei in Griffel-⸗, Raum- und 
Bildkunst, sowie die Entwicklung der Oltechnik und der reprodu— 
zierenden Künste im 15. Jahrhundert denn wirklich geschicht⸗ 
liche Tatsachen von tiefstem und fundamentalem Werte? Keines⸗ 
wegs! Längst vor der Erfindung des Buchdrucks und der 
übrigen reproduzierenden Künste, des Holzschnitts vornehmlich 
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