Bildende Kunst und Musik.
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und des Kupferstichs, bestand das Bedürfnis der Verviel—
fältigung gewisser Kunstwerke und fand, entsprechend den zahl—
reichen Schreibschulen des 14. und 15. Jahrhunderts, in der
Arbeit ganzer Illustratorenschulen Ausdruck. Warum aber diese
Schulen, warum das Bedürfnis nach häufiger Reproduktion
einfacher Kunstwerke, wie sie die Federzeichnungshandschriften
des 13. bis 15. Jahrhunderts darbieten? Weil in dieser Zeit
soziale Veränderungen vor sich gingen, die ein demokratisches
Mäcenat schufen: das Bürgertum nahm sich auf und begann
mit den Fürsten um die politische wie geistige Führung der
Nation zu wetteifern. Darum eine demokratische Kunst, darum
die Erfindung der vervielfältigenden Verfahren — darum auch,
wie sich leicht nachweisen ließe, die Anwendung der technisch
längst bekannten Olmalerei zu künstlerischen Zwecken. Und
fernerhin: ist etwa die Gabelung der Malerei in Griffel,
Raum- und Bildkunst eine fundamentale historische Tatsache?
Wir sahen schon, wie die Griffelkunst aus der Entwicklung
eines demokratisch-bürgerlichen Mäcenats hervorging noch vor
der Durchbildung der reproduzierenden Kunste; demselben
Zusammenhang entsprang auch die Bildkunst, die zunächst für
das Haus des Bürgers und die intime Bürgerkapelle der
Stadtkirche, für trauliche Räume also schuf, während das Wand⸗
gemälde der bürgerlichen Repräsentation in Rat- und Kauf⸗
haus, vornehmlich aber, zumal seit den Zeiten der Renaissance,
der Repräsentation der Fürsten gedient hat.
Auf soziale Momente also gehen in diesen Fällen Inhalt
der Kunstwerke und Anderungen der Technik zurück! Und es
wäre nicht schwer nachzuweisen, daß dies auch sonst der Fall
ist, wenige Ausnahmen abgerechnet, wo es sich in der Technik
um Zufallsfunde handelt — die aber auch immer erst dann
recht nutzbar gemacht worden sind, wenn wichtige soziale Ein⸗
düsse treibend hinter sie getreten waren. So wird z. B. die
Ausbildung der Bildnismalerei zu einem eigenen Kunstzweig
der Entwicklung des niederländischen Bürgertums verdankt, so
ist die Ausgestaltung der lithographischen Technik aufs engste
mit dem Emporkommen der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts