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Zweiundzwanzigstes Buch.
verknüpft: und Dutzende von kleinen Wandlungen in den In—
halten und Techniken der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts
werden sich ebenfalls als einfache Folgeerscheinungen sozialer
Wandlungen ergeben.
Was aber ist nun mit der Reduktion der Geschichte der
künstlerischen Inhalte und der künstlerischen Techniken auf
soziale Momente gesagt? Nichts anderes, als daß diese Ge—
schichte indirekk auf eben jene Wandlung der allgemeinen
psychischen Momente in einer Nation zurückgeht, als deren
direkten Ausdruck auf künstlerischem Gebiete wir die Entfaltung
der künstlerischen Ausdrucksmittel gefunden haben. Denn wie
auch immer die Faktoren beschaffen sein mögen, aus deren
Zusammenwirken sich die soziale Schichtung einer Nation formt
und stetig umformt, mögen sie nun, wie in älterer Zeit, mehr
rein wirtschaftlicher Natur sein oder, wie zu Zeiten höherer
Kultur, zugleich die Entwicklung geistiger Berufe widerspiegeln:
immer läßt sich als Ergebnis reiner geschichtlicher Erfahrung
feststellen, daß das seelische Diapason, das Gemeinsame des
seelischen Lebens eines Volkes, der „Volksgeist“, sich der
Wandlung der sozialen Schichtung parallel umformt: also daß
der soziale Körper in dem Augenblick, da er Veränderungen
seiner anschaulichen, gleichsam materiellen Zusammensetzung
erleidet, damit zugleich auch Veränderungen seiner seelischen
Kollektiväußerungen erlebt. Ist dies aber der Fall und wandelt
sich im Zusammenhange mit dem allgemeinen Wesen der seelischen
Kollektivkräfte auch die künstlerische Ausdrucksfähigkeit in lang—
samer Entwicklung, so begreift sich, wie aus den sozialen Ver—
änderungen erst mittelbar abgeleitete Momente, wie der Inhalt
und die Technik der Kunstwerke, die Entwicklung der künstle—
rischen Ausdrucksmittel grundsätzlich nur in der für diese be—
stehenden, aus der physiologischen Konstruktion des Auges
organisch hervorgehenden Bahn zu fördern, niemals aber ihr
auf die Dauer entgegenzuwirken vermögen.
Und darum ist die Kunstgeschichte die Geschichte der
künstlerischen Ausdrucksmittel oder anders ausgedrückt des
künstlerischen Auges; und nicht der Inhalt und die Technik