Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
werden können,“ schreibt Klopstock. Und Herder ruft im 
„Vierten Kritischen Wäldchen“: „Was hat die Malerei für 
ein anderes Gesetz, als die große Tafel der Natur mit allen 
ihren Erscheinungen zu schildern? Und mit welchem Zauber 
tut sie das? Die sind nicht klug, die die Landschaftsmalerei 
verachten und dem Künstler untersagen. Ein Maler, und soll 
kein Maler sein! Bildsäulen soll er drechseln mit seinem 
Pinsel. Gewiß, die griechischen Denkmale stehen im Meer der 
Zeit als Leuchtturme da. Aber sie sollen nur Freunde sein 
und nicht Gebieter. Malerei ist eine Zaubertafel, so groß wie 
die Welt, in der gewiß nicht jede Figur eine Bildsäule sein 
kann. Es entsteht sonst ein mattes Einerlei langschenkliger, 
gradnäsiger griechischer Figuren. Auch wird uns unsere Zeit, 
die fruchtbarsten Sujets der Geschichte, alles Gefühl von 
einzelner Wahrheit und Bestimmtheit hinwegantikisiert.“ 
Man sieht, aus welchem Lager diese Stimmen erschallen, 
deren Rufe sich leicht vermehren ließen!. Es ist der Geist der 
jungen Literatur der Empfindsamkeit und des Sturmes und 
Dranges, der speziell nationalen Strömung auf literarischem 
Gebiete überhaupt, der aus ihnen spricht. Eine deutsche Kunst 
neben einer deutschen Literatur, keine blinde Abhängigkeit von 
der Antike, keine Lehrbarkeit der Kunst, die Kunst reine Phantasie⸗ 
tätigkeit des modernen Geistes, das ist die Meinung. Und wie 
diese Forderungen auf dem Gebiete der Literatur aus den 
Kreisen des gebildeten Bürgertums heraus erschollen waren, so 
konnte auch die soziale Grundlage einer neuen Kunst, wie sie 
hier ersehnt wurde, nur da gesucht werden, wo sie von der 
Literatur gefunden worden war, vornehmlich im Bürgertum. 
War nun aber das Bürgertum kräftig genug, eine solche 
künstlerische Bewegung zu zeitigen, zu nähren, zu hoher natio— 
naler Bedeutung großzuziehen? 
Die um 1750 herkömmliche Auffassung der Kunst als nichts 
denn einer schönen Wissenschaft der Nachahmung der Griechen 
war nicht ohne starke soziale Stützen. 
Die zitierten Stellen bei Muther, Gesch. der Malerei 4, 151252.
	        
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