Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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Inzwischen aber hatte sich auf einem Gebiete, wo auch 
der Bürger mitreden konnte, da er Christ war wie die Fürsten, 
eine andere Art des Bildnisses entwickelt. Es geschah auf den 
großen Andachtsbildern, die man für die Altäre von Kirchen 
und Kapellen stiftete. Da brachte man in der Regel die eigenen 
heiligen Patrone oder die des Altars zu Ehren; und die Sitte 
erlaubte es, daß man sich zu ihnen im Gebet aufblickend dar— 
stellen ließ. Gewiß ein noch in engen Grenzen der Darstellungs⸗ 
fähigkeit lebendes Porträt! Der Zug der Andacht hatte das 
Muskelspiel zu beherrschen, knieend erschien die ganze Figur: 
es war der Mensch in der Haltung der Religio, d. h. der 
Gebundenheit. Darstellungen dieser Art hielten sich in katho— 
lischen Ländern, z. B. in den vlaemischen Gegenden, bis tief 
ins 17. Jahrhundert, in den protestantischen hörten sie mit 
der tieferen Erfassung der neuen Lehre auf. Aber in sich ent⸗ 
wickelten sie sich doch immer freier: welcher Unterschied etwa 
zwischen den Donatoren eines frühen Bildes der Kölner Schule 
und der Familie des Bürgermeisters Meyer schon auf der Darm— 
städter Lieben Frau Holbeins, geschweige denn den Donatoren⸗ 
bildern des Ildefonsoaltars eines Rubens! 
Gewiß aber ist, daß daneben schon im 15. Jahrhundert 
das bürgerliche Porträt auch frei gemalt wurde, ja im inneren 
Deutschland des 16. Jahrhunderts schon eine wunderbare Blüte 
erlebte. 
Seit dem 16. Jahrhundert aber hatte an der Seeküste 
Deutschlands, in den Niederlanden, wiederum noch eine andere 
in sich zusammenhängende Entwicklung begonnen. Auch hier 
war das Bildnis anfangs noch gebunden aufgetreten, aber 
laienhaft, genossenschaftlich gebunden. Da ließen sich wohl die 
Gefährten einer gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem 
porträtieren oder die Vorsteher eines Hospitals oder die An— 
gehörigen einer Rederijkerbruderschaft oder einer Zunft oder 
Schützenbrüder derselben Schießgesellschaft: es handelte sich um 
Gruppenporträts geistig oder beruflich eng miteinander ver⸗ 
bundener, meist dem Bürgerstande angehöriger Leute. 
Aber auch hier ging aus diesen Gruppenbildern, diesen
	        
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