Bildende Kunst und Musik.
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und zum Teil auch wirkliche Widerscheine: gelbgrüne, blau—
grüne, lichtdurchsonnte Blätter; leuchtendes Fleisch mit grünen
Blattreflexen; und hinter den scharfumrissenen Personen enden
sie in die weiten Formen einer enthusiastisch wiedergegebenen
Stimmungslandschaft von tiefem Horizonte.
Ist es nötig hinzuzufügen, daß Runge in dieser Zeit an—
scheinend der einzige deutsche Maler gewesen ist, der seine
Bilder in Farbenskizzen entwarf? Daß wir weiterhin bei ihm
Klarheit darüber finden, daß es sich beim Schaffen eines Kunst⸗
werks nicht um Nachahmung alter Meister, überhaupt nicht
um Nachahmung und um Wissenschaft und Verstand handle,
sondern um das schöpferische Nachfühlen lebhaftester Bilder der
eigenen Phantasie? Von hier aus, von dem durch intensivstes
Studium der Natur geweckten Gefühl her will Runge ein
Künstler werden, will er wiedergeben, was ihn bewegt: Licht
und Farbe und völligstes Leben.
Runge hat damit alle wesentlichen Entwicklungsgedanken
der Malerei des 19. Jahrhunderts ahnend vorweggenommen,
wie er denn auch schon der modernen Ornamentik verwandte
Formgedanken gehabt hat; in eigenen Schriften hat er sich
darüber eingehend geäußert. Zudem wuchs ihm zu der Zeit,
da er in Hamburg behäbiger seßhaft wurde, in seiner Umgebung
eine Generation empor, die bald geeignet gewesen würde, von
ihm zu lernen, die Speckter, Oldach, Milde, Morgenstern; und
auch ein Kunsthistoriker und Theoretiker der neuen Richtung
schien sich in Rumohr zu finden. Da ist er frühzeitig, 1810,
gestorben.
Die Tätigkeit Runges bietet den Beweis dafür, daß ein
Genie unbeirrt um Modebestrebungen seinen Weg im Zu—
sammenhange mit den tiefsten Strömungen seines Zeitalters
zu gehen vermag, Strömungen, die dem bloß wißbegierigen
und nur talentierten Auge verborgen bleiben. So steht er
einsam da in der Kunstgeschichte, anscheinend nur auf sich
selber gegründet.
Denn die deutsche Malerei war weit davon entfernt, sich
aus den soeben geschilderten dunkeln und instinktiv erfaßten An—
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