Bildende Kunst und Musik. 611
Joch, in Südniederland als Abklatsch des fürstlichen Repräsen—
tationsbildnisses. In der letzteren Form, so, wie etwa Cornelis
de Vos seine biederen Bürger in Schloßsälen mit Säulen—
architektur und Seidenvorhängen gemalt hat, hatte es sich
dann auch in das Rokoko, ja gelegentlich bis tief in die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein vererbt. Aber konnte es
noch als spezifisch bürgerlich gelten in einer Zeit, da Graffs
Auftraggeber nicht mehr posierten, Graffs Bilder den Menschen
allein, ja nur den Kopf, und an diesem wiederum nur das
geistige Teil des Menschen wiedergaben? Da man intim sein
wollte mit allen Fasern des Lebens? Das monumentale
Rokokoporträt verfiel, und kein anderes trat an seine Stelle.
Ja mehr noch. Das Bildnis galt dem deutschen Maler,
der auf sich hielt, bald überhaupt nicht mehr als eigentlich
volle Malerei. Wer sich daher in Deutschland gut wollte
porträtieren lassen, der wandte sich von nun ab an einen
fremden Künstler; vaterländische Maler lieferten zumeist nur
noch Dutzendware an den Mittelstand.
Denn ein verhängnisvoller Umstand hatte inzwischen den
Verfall des Porträts entschieden: der Klassizismus hatte es
verleugnet. Und in der Tat: wie hätte ein Akademiker ein
Bild malen sollen ohne Apparat, ohne Pose, und vor allem
ohne Idee! Wie hätte er stimmungsvolle Hintergründe, wie
den Hauch der Intimität auf die Leinwand bringen sollen! Das
Bildnis verschwand als wichtiger Teil der hohen Kunst; noch
in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde es unter
die Historienmalerei und das Sittenbild, ja sogar unter die
Landschaft gestellt: die Porträtmalerei ward zur verachtetsten
aller Künste.
Za. Aber nicht bloß den Angriffen und der Abneigung
der klassizistischen Kunstlehre ist die junge nationale, bürgerliche
Malerei unterlegen. Sie war auch in sich noch nicht gefestet,
sie strebte noch zu rasch nach den höchsten Zielen, und ihrem
Gedeihen fehlte der breite soziale und der gefestigte allgemein—
psychische Unterbau. Es ist einer der nicht seltenen Vorgänge