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Zweiundzwanzigstes Buch.
sie Kant in seinen Schriften der Jahre 1762 —-69 vortrug,
auf ihn von noch größerem Einfluß gewesen sein mögen.
Bald aber wirkte auf Herder vornehmlich auch die Buntheit
äußerer Lebensschicksale ein: im Jahre 1764 war er Rektor
der Domschule in Riga geworden; 1769 ging er auf Reisen,
die ihn ebenso in die Kreise der höheren Gesellschaft wie in
die weite Welt Westeuropas, vornehmlich nach Paris, führten;
im Winter 1770 auf 1771 nahm er längeren Aufenthalt in
Straßburg, den jungen Goethe nachhaltig beeinflussend, und
seit Mai 1771 fand er sich als Hofprediger und Konsistorial—
rat des Grafen Wilhelm von Bückeburg in dessen kleiner,
schön gelegener Residenz. Nun folgten Jahre regsten Schaffens
in wohlbegrenztem Kreise, dem auch in der Gräfin Marie
ein frommes und begeistertes Beichtkind von pietistischer Ader
nicht fehlte; damals, nachdem er 1778 seine Darmstädter
Braut Karoline Flachsland heimgeführt, stieg Herder in
wenigen Jahren regster Produktion zu einem der ersten Schrift⸗
steller und gewiß zum anregendsten Leiter der Periode des
Sturmes und Dranges empor. Aber fast zwei Jahrzehnte
noch reiferer und fruchtbarerer literarischer Tätigkeit folgten,
nachdem Herder im Jahre 1776 durch Goethes Vermittlung
nach Weimar als Oberhofprediger und Generalsuperintendent
berufen worden war. Und vor allem die Zeit, ehe Schiller
mit Goethe genauer bekannt wurde, war die Periode eines
wahren Herzensbundes zwischen Herder und Goethe, in dem
die Rollen des Schülers und Meisters oft genug vertauscht
wurden, und dem die ersten herrlichen Blüten eines fast völlig
folgerichtig entwickelten subjektivistischen Monismus entsprangen,
in dessen Durchbildung Goethe mehr die naturwissenschaftliche,
Herder die historische Seite vertrat. Die reifste Frucht dieser
Jahre der Bildung neuer und der erneuten Durchbildung alter
Überzeugungen sind Herders „Ideen zur Geschichte der Mensch⸗
heit“ (1784 1791), eine Schrift, deren warme Energie und
deren im einzelnen hervorragend klaren Vortrag Herder wohl
in keiner seiner späteren Schriften bis zu seinem Tode, am
18. Dezember 1803, wiederum erreicht hat.