512 Zweiundzwanzigstes Buch.
an den Pforten eines neuen Zeitalters, daß von frühreifen
Geistern Versuche gemacht werden, Bluteerscheinungen der
aeuen Kultur schon im Augenblicke des Keimtreibens vorweg
zu nehmen: so haben die Koloristen schon der Reformationszeit
den Versuch gemacht, das Licht zu bannen, so die Wiedertäufer
der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts ein subjektivistisches
Religionsprogramm aufgestellt, und so haben weiter zurück,
schon im 18. Jahrhundert, ein Dutzend Generationen vor
Stevinus und Galilei, einige große Männer modern natur—
wissenschaftlich zu denken gewagt. Natürlich zunächst mindestens
äußerlich erfolglos.
Ähnlich steht es mit den deutschen Frühimpressionisten
um die Wende des 18. Jahrhunderts. Wenn man genauer
zusieht, so bemerkt man, daß die tieferen Voraussetzungen einer
wirklich neuen Malerei des Impressionismus und des freien
Lichtes bei diesen Vorläufern doch im Grunde noch so wenig
sicher vorlagen wie etwa bei den Koloristen des 16. Jahr—
hunderts die Voraussetzungen auch nur der Bewältigung künst⸗
lichen Lichtes. Der Instinkt, der dunkle Drang zum Neuen
ist da, aber es fehlt noch die klare Erkenntnis des Weges, auf
dem es restlos zu verwirklichen wäre. Die neue malerische
Ausdrucksweise konnte schließlich nur aus einem gänzlich un—
voreingenommenen, mit heiligem Ernst und nie nachlassendem
Fleiße betriebenen Studium der Natur, unter Absehen von
jeglicher Überlieferung hervorgehen. Die Art aber, so zu
verfahren, die seelische Haltung der vollkommen freien Künstler—
persönlichkeit des 19. Jahrhunderts war doch noch nicht ge⸗
zeitigt. Friedrich hat gewiß eifrig nach der Natur stizziert;
gemalt aber hat er anders. Er selbst erzählt, wie er seine
Bilder im Geiste mit geschlossenen Augen gesehen und das im
Geiste Fertige auf die Leinwand übertragen habe. Er war
also kein erbarmungsloser Naturalist, wie es dessen zunächst
bedurft hätte. Er machte dem Idealismus Zugeständnisse —
und zwar nicht einem Idealismus, wie er sich nach entschiedenem
und grundsätzlich festgehaltenem Naturstudium, nach absolvierter
Elementarschule einer neuen malerischen Ausdrucksfähigkeit hätte