Bildende Kunst und Musik.
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Indem aber so die Kunst zum guten Teile sozial-aristo—
kratisch blieb, war noch ein Grund mehr gegeben für den auch
sonst schon sicheren Sieg des Klassizismus. Denn bei Hofe
und in der Kirche war das Losungswort Kontinuität und Ver—
meidung jedes Bruchs mit dem Alten. Kirchliche und fürst—
liche Kunst hatten eine große Vergangenheit; und die Gegen—
wart erschien von ihrem Standpunkt nur als deren Fort-
setzung. Und war denn für den Klassizismus nicht noch eine
breite psychische Grundlage vorhanden? War denn wirklich
so ganz mit der Aufklärung gebrochen worden? Mußte das
ganz begreifliche Streben nach Form in der Kunst nicht das
Bedürfnis nach einer gefesteten und erprobten geistigen Basis
hervorrufen, wie sie in der wohlausgebauten Weltanschauung
des individualistischen Zeitalters vorlag? Hatte Kant nicht
die Vermittlung gefunden? War es so gänzlich absurd, daß
in der Kunst doch auch die Tradition, die Lehre etwas be—
deute? Ja viel bedeute, wenn man der erhabensten Lehre
der Vergangenheit folge, der Lehre der Alten? Und eben sie
hatte man ja, wie man rühmte, seit Winckelmanns Forschungen
in lauterster Klarheit zu Handen.
So erschienen die Anfänge der bürgerlich-nationalen
naturalistischen Kunst schließlich als eine Episode; schon vor
1800 begriff man im allgemeinen nicht mehr, wie Goethe sich
einmal in der Dresdner Galerie zu den holländischen Meistern
habe hingezogen fühlen und in seinem wirtlichen Schuster
einen lebendigen Menschen ostadeschen Types habe verehren
können; und unverständlich ward auf einige Zeit sogar sein
Lob des Straßburger Münsters. Die Antike war es, die siegte,
die Antike Winckelmanns mit ihrem Programme der stillen
Größe und Einfalt der Alten. War ihre Lehre seit den sechziger
Jahren immer lauter und eindringlicher verkündet worden, so
fand sich nun, seit den achtziger und neunziger Jahren zu ihr
auch eine gewisse Praxis ein, und aus dieser wiederum erwuchs
eine förmlich aufs Leben hingewandte, von dem Bestreben,
der Kunst unmittelbar voranzuleuchten, ausgehende Ästhetik.
Deutlich ist sie entwickelt in den Vorträgen, die Fernow, der