Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
sich entringenden Einsicht; und auch diese ist schöpferisch nur 
in dem erhabenen Augenblicke ihrer Geburt; jede andere Ein— 
sicht hat nur das Verdienst, Gegenwart und Vergangenheit 
zugunsten einer nicht voraussetzungslos zu denkenden Zukunft 
zu verknüpfen. Diese schöpferische Einsicht aber wird ganz aus— 
schließlich der zeugungskräftigen Zusammenfassung jener Ele— 
mente verdankt, die das Seelenleben einer Zeit ausmachen; 
sie quillt empor aus tiefen Schächten, die bis zu dem Grund— 
sttrom der ständiger Veränderung unterworfenen psychischen 
Gesamtkraft einer menschlichen Gesellschaft hinabführen. 
Der Klassizismus in der Architektur wie in der Plastik 
and Malerei bildet deshalb nur eine im übrigen gewiß lehr— 
reiche Episode in unserer nationalen Entwicklung; er ist im 
Grunde nur ein besonders augenscheinliches Schwächezeichen, 
ein letztes Denkmal gleichsam jener ungeheuren geistigen Ver— 
blutung, die unsere damals schon vom Bürgertum geführte 
nationale Entwicklung durch die Einführung der Antike unter 
gleichzeitigem Verfall der Kräfte eigenen Fortschreitens seit der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlitten hat — er hat 
ferner, im Sinne einer großen Generalrepetition der elemen⸗ 
taren Kunstentwicklung, der späteren, nun eigentlich erst zeit— 
gemäßen Kunst manche besondere Züge, vor allem den einer 
für sie recht notwendigen strengen Auffassung vermittelt — er 
entsprach auch auf dem Gebiete der Malerei dem besonderen 
Hange der deutschen Malerseele, mehr zu dichten und zu 
harakterisieren als zu formen und zu harmonisieren —: eine 
große, voll auf sich beruhende, selbständige und eigenartige, 
für das Volksleben als Ganzes schöpferische Bedeutung hat er 
nicht gehabt. 
Dabei darf man freilich nicht meinen, daß seine ersten 
Erzeugnisse einen absoluten Bruch mit dem Rokoko und also 
mit der alten Renaissance des 16. Jahrhunderts bedeutet 
hätten. Gewiß: den Zeitgenossen erschien zwischen Klassizismus 
und Rokoko eine ungeheure Kluft befestigt, wie sie auch mit 
der Philosophie Kants eigentlich die lex continui gebrochen 
'ahen. In Wahrheit aber waren zeitgenössische Meinungen von
	        
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