Sildende Kunst und Musik.
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dieser Art Erweiterungen relativer Gegensätze, wie sich deren
ein begrenzter zeitlicher Horizont auf geschichtlichem Gebiete
häufig schuldig macht. Und läßt sich denn die nächste ent—
wicklungsgeschichtliche Nuance einer bestimmten Gegenwart
wirklich jemals herbeifüuhren, ohne daß sie dem Haß und der
Gunst der Zeitgenossen als etwas auch nur annähernd noch
nie dagewesenes, als etwas absolut Neues vorgeführt würde?
Namentlich in der Malerei ist der Zusammenhang des
Alassizismus mit dem Rokoko augenscheinlich; nur langsam
reißt sich hier das Neue aus der Formgebung und aus der
Farbenfeinheit des Alten los. Oser, der geistige Pate, wenn
nicht Vater des von Winckelmann geschriebenen ersten Pro—
gramms des Klassizismus vom Jahre 1755, der „Gedanken
iber die Nachahmung der griechischen Werke“, ist hier die erste
Erscheinung von größerem Interesse. Hser ist auch Plastiker
gewesen und hat durch seine Ratschläge die Baukunst in
Dresden und Leipzig und darüber hinaus beeinflußt: an erster
Stelle aber war er doch und glaubte er sich Maler. Seine
Bilder, nicht selten frostige Allegorien, wie sie die Zeitgenossen
liebten, zeigen noch gerade in ihrer tieferen Anlage alle Merk—
male des Rokokos: die Wirkung auf ein Ganzes ist mit jener
feinen Sicherheit erstrebt, welche die unregelmäßigen Stuck—
ornamente des Rokokos gleichwohl künstlerisch abgewogen er—
scheinen läßt; die Palette ist die der ins Silbrige gebrochenen
Halbtöne, wie sie Watteau meisterhaft gehandhabt hatte; der
jetzt infolge von Farbenzersetzungen oft recht peinliche Ein—
druck muß einmal vornehm und behaglich gewesen sein. Aber
daneben stehen schon hippokratische Züge: ein fatales Nach—
sassen des allgemeinen Farbensinns, eine Neigung zum Flauen
und Verschwommenen und Kreidigen, eine gewisse Steifheit
ind Absichtlichkeit der Komposition: und zu alledem schüler—
hafte Versuche in hellenischer Pose und griechischer Gewandung.
Bei weitem höher steht Mengs. Seine Bildnisse, sei es
in Pastell, sei es in Ol, sind Meisterwerke; unter glücklicheren
Sternen geboren, würde er sich dauernd dem Ruhme haben
nähern können, den ihm die Zeitgenossen so freigebig als