Bildende Kunst und Musik.
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„Der harfenspielende David“ Schicks wurden mit Enthusiasmus
begrüßt.
Allein die ganze Fülle der klassizistischen Forderungen be—
friedigten sie noch nicht. Dies vermochte allein eine wesentlich
nur noch zeichnerische Kunst zu tun, eine Kunst, die von der
Plastik das Außerste herübernahm, das herüberzunehmen der
Malerei eben noch möglich war, nämlich die Zeichnung, und
das hieß vornehmlich den Umriß, und die die Färbung nur
noch als Füllung dieses Umrisses betrachtete. Der Meister,
der diese Kunst brachte, war Asmus Carstens (17541798).
Carstens war ein Schleswiger; wie Thorvaldsen ist er von
der Kopenhagener Akademie nach Rom gekommen!. Gemein—
sam war ferner beiden, daß sie sich der Antike keineswegs
literarisch näherten, sondern nur rein anschaulich auf sie ein—
gingen — beide waren unstudierte Leute, ja, vom philologischen
Standpunkte aus betrachtet Boötier. Auf dem Gebiete des
rein Anschaulichen aber trafen sie sich wiederum darin, daß
sie im Grunde zu spät geborene Hellenen waren; sie nahmen
die Antike, wie sie aus Roms Vergangenheit in Stadt und
Museum zu ihnen sprach, als etwas ihnen Selbstverständliches
auf, nicht als etwas erst zu Erlernendes, zu Übertragendes; sie
war ihnen mundgemäße Kost. Dabei war Thorvaldsen Plastiker
und Lyriker, Carstens, der bei weitem ältere von beiden, Maler
(d. h. Zeichner sowie allenfalls Illuminator) und Dramatiker.
Carstens war ein harter Kopf; sein Leben, klein beginnend,
war ein erstaunlich und erhebend herber Kampf um Ideale:
und selbstrichtig und eigen war auch seine Kunst. Er zeichnete
nicht oder malte gar nach der Natur. Er verließ sich auf sein
außerordentliches Formengedächtnis. Aus diesem heraus schuf
er — und indem er schuf, stilisierte er, ein wenig unter
Reminiszenzen an ihm kongeniale Meister der letzten Jahr⸗
hunderte, vor allem an Michelangelo, sehr selten mit einigen
direkteren Anlehnungen an das Rokoko, in der Hauptsache aufs
Entscheidende nach der Antike, und das heißt wiederum nach
S. oben S. 606.