Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

622 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
der antiken Plastik. So ward er zum Verächter der Farbe 
und zum begeisterten Vertreter der Formschönheit des Um— 
risses; nur wenig hat er gemalt, fast durchaus zeichnerisch ge— 
schaffen. War er dabei, vom Standpunkte der reinen Wieder— 
gabe der Erscheinungen aus betrachtet, ein um vieles schlechterer 
Zeichner als Mengs, so wird er doch in seinen Schöpfungen 
jedem, der sie betrachtet, für immer im Gedächtnis bleiben: mit 
seiner Wucht der Umrißgebung, mit seiner zwingenden Kraft 
der Phantasie, mit seiner zum persönlichen Stil vordringenden 
Stärke endlich künstlerischer Aneignungsfähigkeit der Natur; und 
die stetig wiederkehrenden Fehler, die Verkleinerung der Glieder, 
die unrichtige Wiedergabe der Bewegungen werden bald den 
Eindruck hinterlassen, daß sie zur Eigenwilligkeit gerade dieser 
Kunst zu gehören scheinen. 
Carstens hat auf seinem eigentlichsten Gebiete nur einen, 
spätgeborenen, Nachfolger gehabt: Genelli (1798 - 1868). 
Genelli steht der Farbe noch weniger hold gegenüber; sogar 
auf das Aquarell hat er den braunen Galerieton übertragen. 
Genelli war auch dem naturalistischen Zeichnen noch weniger 
geneigt. Im Grunde kennt er nur einen einzigen männlichen 
und einen einzigen weiblichen Typ; immer wieder erscheinen 
diese auf seinen Blättern und immer und immer wieber in 
denselben, teilweise an Carstens Stil gemahnenden Ver—⸗ 
zeichnungen. Und auch das Detail ist noch weniger beobachtet 
wie bei Carstens. Die Köpfe sind seelenlos; das Muskelspiel, 
oft wäre von Muskelgewoge zu reden, bleibt vielfach un— 
verständlich. Dennoch erzielt auch Genelli mit seinen einfachen 
Umrissen, die oft den Hintergrund kaum noch in Linien an— 
deuten, eine gewisse Wirkung. Denn er ist von beträcht⸗ 
licher Gewalt der Komposition, namentlich da, wo er in 
rascher Begeisterung hinwirft; man möchte ihn fast den Melo⸗ 
diker der Linie nennen. Das, was ihn kennzeichnet, ist das 
tiefe Pathos, der Drang, den Umriß eigentlich zu überschreiten, 
ihn mit süßem Leben zu blühendem Dasein aufzufüllen: das 
ist es, was seine großen Kompositionen für Holzschnitt und 
ZSteindruck, die „Umrisse zu Homer“ (1844), das „Leben einer
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.