Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweiundzwanzigstes Buch. 
maurischer und nordischer Formgedanken. Und selbst damit 
noch nicht genug. Neben die klassischen Bauten Münchens trat 
Zieblands angeblich altchristliche Bonifaziusbasilika und Gärtners 
Feldherrnhalle (1841) nach dem Vorbilde der Loggia dei Lanzi 
in Florenz, in der Vorsiadt Au erhob sich Ohlmüllers gotische 
Pfarrkirche, und die Ludwigspfarrkirche in der Stadt (1829) 
erhielt den Typ lombardisch-romanischen Stiles. Man war 
in München bald in allen Sätteln gerecht, ja schuf sich in dem 
Rundbogenstil der Regierungsbauten in der Ludwigsstraße noch 
seine höchsteigene Bauweise. Natürlich wurde man bei alledem 
auch zusehends akademisch und langweilig. Aber immer blieb 
trotzdem eine gewisse Gelenkigkeit der Phantasie und des hand— 
werklichen Komponierens erhalten: und das war auch auf den 
Münchener Klassizismus von Einfluß. 
In höherer Potenz gleichsam hat sich die Münchener Ent⸗ 
wicklung in Wien wiederholt. Denn hier, in der wohligen 
Luft der Donaustadt, vermochte sich der strenge Stil der 
antiken Architektur erst recht nicht in ungebrochener Reinheit 
zu entfalten, namentlich soweit dieser als voller Gerüststil auf⸗ 
trat: was man baute, wurde bei aller Wucht doch zugleich 
heiter, frei, festlich und farbig behandelt. Der größte Meister 
dieser Kunst aber war nicht ein eingeborener Wiener, sondern 
ein Landsmann Thorvaldsens, Theophil Hansen, ein Mann, 
der diesem in dem klaren, oft etwas zu geraden Losgehen 
auf schematisch-schöne Lösung der gestellten Probleme wie in 
dem Sinne für äußere Anmut verwandt war: ganz richtig 
hat er seine Kunst nicht mehr nachgeahmte Antike, sondern 
hellenische Renaissance genannt wissen wollen. Hansen, 1813 
geboren, hatte den Vorteil gehabt, seit 1838 längere Zeit in 
Griechenland zu weilen, und so schuf er mehr aus einer ge— 
samten künstlerischen Lebenshaltung heraus als die Münchener. 
Im Jahre 1846 kam er nach Wien; sein Hauptwerk (seit 
1863) wurde das Parlamentshaus, ein Bau von wunderbarer 
Symmetrie, wenn auch einer Symmetrie, der die innere Zweck— 
mäßigkeit vielfach zum Opfer gefallen ist. Was aber die Ent— 
wicklung in Wien neben der Weichlichkeit der Formen ebenso
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.