Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Trotzdem wirkte das naturalistische Drängen der Zeit auch 
bei solchen Meistern noch nach, die sich im übrigen ganz der 
Antike näherten. Der interessanteste unter diesen ist wohl 
Trippel (1744 -1793). Er arbeitete seit 1778 in Rom, in 
starkem Gegensatz zu Canova, dem weichsten aller Vermittler 
zwischen Rokoko und Antike, nur auf sich gestellt, von gesunder 
Kraft, von feiner Empfindung für das Eigenartige, einer der 
bemerkenswertesten Porträtisten Goethes: in mehr als einer Be— 
ziehung ein Vorläufer Schadows. Trippel war ein Schweizer, 
seine Schule hat er in Kopenhagen und Paris durchgemacht; 
der unmittelbare Nachfolger in seiner Stellung in Rom war 
Heinrich Keller aus Zürich, also auch ein Schweizer. Es ist eine 
Beobachtung, die sich auch schon für die Malerei wie früher be— 
sonders eingehend für die Dichtung machen ließ: Träger des 
eigentlich Neuen sind beim Beginn des modernen Zeitalters vor 
allem die Grenzgebiete im Norden wie im Süden des Vater⸗— 
landes gewesen; hier die reichen Städte der Schweiz mit ihrer 
fast ununterbrochenen bürgerlichen Entwicklung, dort vor allem 
Hamburg mit seinem großen nordischen Einflußgebiet, dem 
besonders auch Dänemark angehörte. Und ein Däne war es 
dann, der, in seinen Werken in Deutschland nicht minder 
heimisch als in seinem engeren Vaterlande, eine erste Ver— 
söhnung zwischen dem modernen Naturalismus und der Antike 
gefunden zu haben schien: Thorvaldsen (1770 - 1844). 
Schon sehr früh läßt, sich die hohe bildnerische Begabung 
gerade der Nordgermanen nachweisen, wie denn auch inner⸗ 
halb der Südgermanen die nördlichen Stämme, Sachsen und 
Thüringer, in der Plastik besonders hervorragen. Aus diesem 
Norden kam jetzt Thorvaldsen, vielleicht die größte naiv— 
plastische Kraft, die germanischer Boden bisher erzeugt hat. 
Denn ihm war anscheinend nur eine Sprache gegeben, eben 
die des Bildens. Wie er der Wissenschaft und allem begriff⸗ 
lichen Dasein fern stand, so fast sogar der Sprache — stunden⸗ 
lang konnte er stumm innerhalb reichen Menschenverkehrs sitzen; 
im klassizistischen Sinne ungebildet kam er nach Rom und 
blieb es bis zu seinem Tode — so war auch sein Verhältnis
	        
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