Bildende Kunst und Musik. 641
das Dramma per musica, im Grunde auf nichts anderes
hinauswollte als auf eine Wiedergeburt des griechischen Dramas.
Und gehören diese Erscheinungen mehr den Anfängen und der
Blüte des individualistischen Zeitalters an, so besteht doch auch
noch in den Wiegenjahren des Subjektivismus zwischen der
Gluckschen Opernreform und der neuen, hellenischen Renaissance
ein gewisser Zusammenhang. Indes Madrigal und Dramma
per musica waren doch zunächst Formen der italienischen Ent—
wicklung, und nur in starken Umgestaltungen wurden sie, an
sich schon alles andere als eine wirkliche Nachahmung der
Antike, der deutschen Kultur vermittelt; und die Opernmusik
wie die Operngestalten Glucks können wohl etwa den Forde—
rungen Winckelmanns unterstellt werden; aber sie gehen nicht
von ihnen aus und sind auch weit davon entfernt, in ihnen
aufzugehen.
Im ganzen unterliegt es keinem Zweifel, daß sich die
deutsche Musik des frühsubjektivistischen Zeitalters rein aus den
eingeborenen psychischen Voraussetzungen der Zeit, sogar unter
verhältnismäßig geringer Beteiligung italienischer und fran—
zösischer Elemente, und das heißt eines um diese Zeit schon
nicht mehr abweisbaren und in jedem nationalen Kultur—
elemente aufzufindenden Bestandteiles internationaler west—
europäischer Diosmose, entwickelt hat.
Will man diese Entwicklung in ihren Tiefen verstehen, so
gilt es sich, ehe in die Darstellung des geschichtlichen Flusses
der Einzelheiten eingetreten wird, zuvor in rohen Zügen der
größten Gegensätze der Musik des individualistischen und des
subjektivistischen Zeitalters überhaupt zu vergewissern. Sie
liegen etwa im folgenden. Der Intensität der musikalischen
Betätigung des 16. bis 18. Jahrhunderts hatte es im all—⸗
gemeinen entsprochen, die Töne noch mehr als physikalische,
denn als seelische Werte aufzufassen. Gewiß waren die mittel—
alterlichen Zeiten überwunden, in welchen die Töne verschiedener
Stimmen polyphone Marschexerzitien neben- und vor allem
gegeneinander ausgeführt hatten, bei denen es auf den Wohl—
laut in unserem Sinne nicht immer im besonderen ankam;
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