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Zweiundzwanzigstes Buch.
für das Tonschöne als solches war die Empfindung gewachsen.
Allein die Schönheit, die man suchte, war, abgesehen etwa von
der Kirchenmusik, wo fromme Begeisterung in den erhabensten
Schöpfungen zu einem häufig ganz anderen Ergebnisse führte,
nicht eigentlich die seelische gewesen. Es war die Schönheit
an sich rein rhythmisch wohl zusammengereihter Schallwellen,
die Schönheit etwa der Töne der Marschmelodie oder derjenigen
des Tanzes. Mit einem Worte: der Ton als absolute, wenn
auch schon schöne Größe, nicht aber als spezifische Ausdrucks-
form des Gemütes kam, vor allem für die weltliche Musik, in
Frage.
Wie weit mußten nun unter diesen Umständen die Aus—
drucksmittel entwickelt sein?
Von Bedeutung war hier an erster Stelle die menschliche
Stimme. Ihr rang man in diesem Zeitalter, namentlich im
Einzelgesange, jede Art der Modulationsfähigkeit und jede Art
der Stimmbildung und der Stimmgewandtheit ab. Es ist die
Zeit des Triumphes des verhältnismäßig seelenlosen. hel canto
mit seinen Kadenzen und Trillern, mit der ganzen Heerschaar
seiner Mittel zur Entwicklung von „Blüten“. In Italien
vornehmlich wurde auf dieser psychischen Grundlage, die dem
zemütvolleren Deutschen nicht so leicht einging, eine außer—
ordentliche Virtuosität des Gesanges in tausend Schulen mit
tausend Geheimmitteln der Kehlpflege gezeitigt. Und neben
der Einzelstimme wurde auch ein Chorgesang verwandter Art
zu hoher Vollendung gebracht: zu größerer in gewissem Sinne,
als im 15. und 16. Jahrhundert.
Konnte nun die Instrumentalmusik mit dieser Volubilität
und Versabilität der menschlichen Stimme wetteifern? Will
man die Frage beantworten, so muß man von der heutigen Aus—
bildung des Orchesters völlig absehen: die großen dynamischen
Wirkungen und RKontrastbildungen, die Mannigfaltigkeit der
Schattierungen und das glänzende Farbenspiel des modernen
Orchesters waren damals noch völlig unbekannt; läßt man Orgel
und Cembalo beiseite, jene Tasteninstrumente also, die allenfalls
einen allgemeinen Tonuntergrund für das Orchester herzustellen