Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
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Gefühlswendungen befähigte Melodie. Damit verschwindet der 
gebundene kontrapunktische Satz, und die auf die Formen der 
Fuge oder des Kanons oder des doppelten Kontrapunkts be— 
gründete thematische Arbeit des Vokalsatzes verwandelt sich in 
freie, schließlich alle instrumentalen Darstellungsmittel aus— 
nutzende Arbeit. 
Es war eine Revolution, deren Gegensätze, Polyphonie 
und Homophonie, sich in den Werken Johann Sebastian Bachs 
und Händels noch in den wunderbarsten Formen verschlingen. 
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts aber beginnt leise die 
Homophonie ihren sieghaften Zug anzutreten. Charakteristisch 
für die Wandlung, für den Schritt sozusagen über die Paß— 
—DV— 
und Höhe, ist um diese Zeit zweierlei: einmal der beginnende 
rasche und unaufhaltsame Verfall der Kirchenmusik, welche die 
naturgemäße Trägerin des alten mustkalischen Stiles gewesen 
war: ein negatives Element; und positiv das Emporkommen 
des einfachen Kunstliedes, der primitivsten und naivsten Form 
der leise einsetzenden musikalischen Beseelung. 
Der Individualismus hatte in seinem Verlaufe das Lied, 
wie es bis dahin Volkslied und Gesellschaftslied gewesen war, 
fast ertötet; statt dessen hatte die Arie mit ihren künstlichen 
Formen zu herrschen begonnen und der aus ihr entwickelte 
mehrstimmig gesetzte Kammergesang, wie ihn z. B. noch das 
Händelsche „Amor, dir werd ich nie trauen“ (1742) vergegen⸗— 
wärtigt; und neben ihn waren höchstens noch besonders in 
Frankreich gepflegte Melodien mit Liederterxten getreten: denn 
gesungen worden ist in Deutschland von jeher viel und gern; 
und nur von einem einzigen deutschen Stamme, den Friesen, 
heißt es seit alters: non cantat. 
Demgegenüber erwachte nun seit der Mitte etwa des 
18. Jahrhunderts das neue deutsche Lied. Anfangs noch in 
Rokokoformen gebettet, z. B. bei Philipp Emanuel Bach noch 
zierlich verschnörkelt, und bis auf Zelter noch die spezifische 
Stimmung des Rokoko-, Muntern“ aufweisend, ging es von 
vornherein auf einfachste musikalische Wiedergabe reiner Emp—
	        
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