Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
findung. Dabei blieb es anfangs vielfach noch an alte Zu— 
sammenhänge und größere musikalische Kunstformen gebunden: 
erzählte es, so kamen wohl Anlehnungen an den alten Bänkel⸗ 
sängerton zum Vorschein, war es Bestandteil eines dramatischen 
Zusammenhanges, so entnahm es der alten Oper leise musika— 
lische Elemente. In dieser Art wirkt etwa die durch mehrere 
Generationen hindurch gesungene Romanze „Als ich auf meiner 
Bleiche ein Stückchen Garn begoß“ aus der „Jagd' (1770) von 
Hiller; und noch in Zumsteegs Balladen finden sich Reminis— 
zenzen an den Bänkelsang, wie denn die früheste Form der 
subjektivistischen Balladendichtung zum Teil aus dem Baͤnkel—⸗ 
sang hervorgegangen war!. Das eigentliche Ideal der neuen 
Liedform aber wurde in voller Reinheit erst da erreicht, wo ein 
großer Dichter und ein großer Musiker von verwandter Be— 
gabung zusammenwirkten; so haben Gluck und Klopstock das 
Lied zum Gefäß einfachsten und zugleich tiefsten Empfindens ge⸗ 
macht; und Kompositionen Klopstockscher Oden von Gluck wie 
die „Frühen Gräber“ oder der „Jüngling“ (ca. 1770) wirken 
noch heute auf uns mit der Gewalt elementarer Stimmung. 
Von solchen Ausgangspunkten ab gedieh das deutsche Lied, 
getragen von der Lyrik unserer großen Dichter, seinen ersten 
blühenden Zeiten entgegen: Zumsteeg, der Leibkomponist 
Schillers, war der erste Meister der durchkomponierten Ballade 
mit wechselnder Situationsmalerei; Reichardt wuchs an 
Goetheschen Texten aus der einfachsten Liedform zu der Höhe 
der Melodik, die seine Komposition des Mignonliedes kenn⸗ 
zeichnet, und Zelter fand neben manchen altertümlichen Zügen, 
die ihn, neben der Durchsichtigkeit seiner Komposition, Goethe 
besonders wert gemacht haben mögen, in seinem „König von 
Thule“ oder dem tief empfundenen „Füllest wieder Busch und 
Tal“ Töne, die ihm immerhin die Stellung des schließenden 
Meisters einer ersten Periode des modernen Liedes sichern. 
Voll freilich entfaltete das Lied seine Schwingen erst in 
der duftenden Atmosphäre der Romantik. Aber ihr näherte es 
S. oben S. 454 ff.
	        
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