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Zweiundzwanzigstes Buch.
losen Gefüge in „Belmonte und Konstanze“ (1782) erstaunlich
rasch und erfolgreich die vollen und größeren Formen der
älteren komischen Oper entwickelte.
Mit alledem war nun das Lied außerordentlich fruchtbar
geworden; es hatte seine ganze reiche Empfindungsskala und
seine Gemütstiefe einer einfachen dramatischen Form mitgeteilt,
und es hatte dadurch diese Form zu einer wahrhaft musikalischen
gemacht. Nicht mehr im Anschluß an imaginäre Heroen der
klassischen Zeit, deren Taten sich schließlich in hohle Gefühle
auflösten, sondern in der Ausprägung sicherer Empfindungen
der Liebe, des Frohsinns, der Munterkeit, mochten sie ge—
legentlich und namentlich anfangs auch noch in eine nicht völlig
natürliche Schäferszenerie verlegt werden, entwickelte sich diese
neue dramatische Musik; und in ihrem Meister und Überwinder
zugleich, in Mozart, fand sie die volle Identität der musikalischen
Empfindung und der Charakteristik nicht bloß der Gefühle, so⸗—
weit diese einzelne Handlungen begleiten, sondern der handelnden
Personen selbst in ihrer Ganzheit.
Aber während sich auf dem Gebiete des niederen dra—
matischen Lebens die Musik als ein neues Darstellungsmittel
von ungeahnter Biegsamkeit und Feinfühligkeit durchsetzte, er—
oberte das neue Empfinden auch das ernstere musikalische
Drama. Und auch hier war der Zusammenhang mit der Ent—
wicklung des Liedes, wenn auch bei der schon weit fester
entwickelten Form der Oper keineswegs gleich eng wie beim
Singspiel, so doch im Grunde nicht zu verkennen: Gluck, der
Reformator auf diesem Gebiete, ist zugleich einer der frühesten
großen Komponisten des ernsten gefühlvollen Liedes gewesen;
und Mozart, der Vollender, hat Lieder komponiert, die sehr
wohl als Bestandteile seiner Opernmusik würden gelten können.
Das sukzessiv Vermittelnde aber zwischen neuem Lied und
neuer Oper war wiederum jene Abfolge psychischer Momente,
die wir schon kennen: Empfindsamkeit und aus der Dissoziation
der alten psychischen Haltung in Sturm und Drang abgeklärter
neuer, frühsubjektivistischer Klassizismus: nur daß in der Oper
Zusätze der gleichzeitigen hellenischen Renaissance zur Empfind—