Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
gleichwohl schon sein Blick, gemessen an dem Verständnis seiner 
Umgebung und seines Volkes! Die Nation verstand seine Neue— 
rungen nicht. Die „Alceste“ stieß in Wien auf Widerspruch; 
von der norddeutschen Kritik wurde sie erbarmungslos zer— 
zaust; und des Meisters höchste Offenbarungen, die „Iphigenie 
in Aulis“, die „Armida“ und die „Iphigenie in Tauris“, haben 
das Licht der Lampen in Paris erblickt (1774, 1777, 1779). 
Was Gluck geplant und gesichtet hatte, hat Mozart un⸗ 
bewußt, mit der Selbstsicherheit des Genius, für die ober— 
flächliche Betrachtung sogar ohne die Formen der italienischen 
Oper zu sprengen, erreicht und vollendet. 
Wolfgang Amadé Mozart ist am 27. Januar 1756 zu 
Salzburg geboren worden. Seine Jugend war glücklich, denn 
die Jahre des Wunderkindes wurden, trotz aller äußeren Zer— 
streuung durch Kunstreisen (seit 1762), von dem Auge eines 
gütig-strengen Vaters und dem Worte einer phantasiereichen 
Mutter bewacht. Aber mit der frühen Verselbständigung — schon 
mit vierzehn Jahren wurde Mozart erzbischöflich salzburgischer 
Konzertmeister — begann das äußere Mißgeschick. Die Stellung 
unter einem sittlich harten und ästhetisch verwahrlosten Herren 
und seinen noch roheren Dienern wurde auf die Dauer un— 
erträglich; spätere freie Jahre in Wien brachten die häßlichsten 
Intrigen italienischer Neider. Aber der Genius ließ sich nicht 
unterdrücken; und dem geplagten Herzen entquollen ohne Unter— 
laß die süßesten Melodien, Zeugen innerer Freiheit. Fruh, 1791, 
ist Mozart gestorben; in einer Armengrube wurde er bestattet, 
da Mittel zu einem würdigeren Begängnis fehlten; vergebens 
hat man später die sterblichen Reste gesucht. 
Mozart, ewig bewegt, lebensfroh, jedem Eindrucke offen, 
war der geborene Dramatiker; und so hat er sich schon überaus 
früh, sobald es seine musikalische Erziehung zuließ, in drama— 
tischen Formen bewegt. Diese Formen waren dabei anfangs 
natürlich die italienischen. In Italien war mit Alessandro 
Scarlatti, dem Haupte und Begründer der meapolitanischen 
Opernschule, um etwa 1700 ein gewisser Abschluß der Opern⸗ 
form erreicht worden. Die mehrstimmigen AÄußerungen der
	        
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