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Zweiundzwanzigstes Buch.
der Hauptsache nach noch ganz italienisch; nur daß in der
Arie sogar schon die Form der Da-capo-Arie gelockert erscheint
und in den Ensemblesätzen nicht mehr der absolute Ton über—
wiegt, sondern die Personen aus ihrem Charakter heraus
singen: was denn alsbald eine Abschattierung der musikalischen
Mittel von früher ungehörter Schärfe bedingte. Es war eine
Richtung hinein in das Intensivieren und Subjektivieren der
Stimmung, die sich auch in der Instrumentation zeigt; weit
mehr als bisher spielte das Orchester eine Rolle und begann
schon mit den menschlichen Stimmen der Tendenz nach zu
einem einzigen Ausdrucksmittel zusammenzuwachsen.
Einen wesentlichen Fortschritt bedeutete dem „Idomeneo“
gegenüber die „Entführung aus dem Serail“ (Belmonte und
Konstanze) vom Jahre 1782 zunächst nur insofern, als hier
der Stoff eine Anknüpfung an die jüngste, so reiche Ent—
wicklung des Singspieles erlaubte; dabei wurde zugleich der
Charakter des Singspieles in so hohem Grade veredelt, daß
der Typ der komischen Oper erreicht schien.
Als die mittlere Gruppe der Meisteropern wird man den
„Figaro“ von 1786, den „Don Juan“ von 1788 und „Cosi
san tutte“ von 1790 bezeichnen können. In ihnen vor allem
entfaltete sich der ganze dramatische Schönheitssinn, die volle
ind doch hurtige Kantabilität des Meisters: überaus berückend
besonders in „Cos fan tutte“, einer Oper, in der der Zauber
der Musik den häßlichen und albernen, übrigens Mozart auf—
gedrungenen Stoff vergessen läßt. Als Ganzes aber charakteri—
jieren namentlich „Figaro“ und „Don Juan“ diese Periode:
mit ihrer vollen musikalischen Individualisierung der Personen,
die um vieles über Glucks bloße Typisierung hinausgeht, mit
ihrer glänzenden, teilweise französischem Einflusse verdankten
Erweiterung der Ensembles und mit ihrem leisen Zuge des
Instrumentalen schon hin zum symphonischen Gebilde, wie er
z. B. in dem Finale des ersten Aktes des „Don Juan“ mächtig
hervorbraust. Und „Don Juan“ am besten zeigt, welches der
Erfolg dieser inhaltlichen Umbildung der alten Formen schon
war und immer mehr sein mußte: die Empfindung in jedem