Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik. 
— 
Sinne wurde bewältigt; nicht mehr erfreuen bloß oder gar 
bloß unterhalten will jetzt die Musik, innerlich in den ver— 
schiedensten Schattierungen ergreifen soll sie, und kein Zug 
des Menschlichen, auch auf des Lebens Schattenseite, soll ihr 
fern sein. So erwuchs aus der italienischen Opera die musika— 
lische Tragödie, und der Spruch, der das Motto der Leipziger 
Gewandhauskonzerte bildet: res severa verum gaudium: wurde 
zur Wahrheit. 
Den Gipfel aber aller Opern Mozarts, zugleich seinen 
dramatischen Schwanengesang, bildet die „Zauberflöte“ (1791). 
Das Libretto der Oper, deren Entstehung im einzelnen eine 
der wunderlichsten Episoden der deutschen Musikgeschichte bildet, 
mutet auf den ersten Augenblick wenigstens den Menschen der 
Gegenwart fast mehr als sonderbar an; zudem ist es mit echt 
wienerischer Unbesorgtheit gearbeitet und leidet an klaffenden 
Widersprüchen, die sich nur zum Teile daraus erklären, daß 
für den Anfang Liebeskinds Märchen „Lulu“, für die Fort— 
setzung dagegen Terrassons Roman „Die Geschichte des 
ägyptischen Prinzen Sethos“ zur Feststellung des Textes be— 
autzt wurden. Sieht man indes über tausend mehr äußer— 
liche Ungeschicktheiten hinweg, so erscheint der Stoff doch als 
musikalisch höchst dankbar; und mehr: man kann sagen, daß 
er auch wichtige Strömungen der Zeit seiner Entstehung naiv 
zu Worte kommen läßt; ja es ist begreiflich, daß Goethe im 
Verfolg seiner langjährigen vergeblichen Bemühungen um eine 
deutsche Spieloper die „Zauberflöte“ fortsetzte. 
Den Inhalt bildet im Grunde eine Apotheose der Auf—⸗ 
klärung, jener um 1790 immer noch weit verbreiteten seelischen 
Haltung der Nation. Die weite Welt der Menschen wird 
umgeben gedacht von zwei Idealwelten: der Götterwelt einer 
gereinigten Vernunftreligion, wie sie dem Freimaurertum der 
Zeit in der Isis und dem Osiris des alten Agyptens ver— 
körpert erscheinen konnte, und einer Idealwelt der Gestalten 
des alten mythologischen Aberglaubens, dem Reiche der Königin 
der Nacht. Diese beiden Welten haben nun Anteil am Menschen— 
reiche; die mythologische Welt beherrscht die Menschen sinn—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.