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Zweiundzwanzigstes Buch.
der Kirchenmusik, und das heißt der künstlerischen Instrumental—
musik höchsten Charakters an; und sie allein verbürgte auch
eine gewisse durchschnittliche Reinheit des Tones. Daraus er—
klärt sich, daß die Einzelinstrumente, als sie schließlich zu einem
Orchester für Kunstmusik zusammengestellt wurden, zunächst
eine Behandlung einfach nach Analogie der Orgel erfuhren.
Wie die Orgel ihre Register hatte, so erhielt das Orchester
seine Spiele, deren jedes aus einer Anzahl gleicher Instrumente
zusammengesetzt war, so daß z. B. neben vier Streichern vier
Bläser standen usp. Und mit diesen Spielen als den vor—
handenen technischen Einheiten operierte nun der Orchesterleiter
ähnlich wie der Orgelspieler mit den Registerzügen; und dem
vaßte sich natürlich auch der Komponist an: noch Händel und
Johann Sebastian Bach haben in dieser Weise instrumentiert.
Dabei gab diese gleichsam choristische Behandlung den In—
strumenten natürlich noch nicht die Freiheit individueller Be—
tätigung; nicht eigentlich in dem, was wir Konzert nennen,
nicht in dem individuellen Austausche ihrer besonderen Eigen—
schaften, in der Ausnutzung ihres besonderen Empfindungs—
wertes verkehrten sie miteinander.
Diese gebundene Form wurde nun, einmal infolge der
besseren technischen Herstellung der Instrumente, die ihre Ver—
selbständigung gestattete, vor allem aber doch aus dem Be—
dürfnisse nach einer schattierungsreicheren und mannigfaltigeren
Instrumentalmusik, gesprengt. Und es läßt sich in diesem
Falle genau angeben, wer der eigentlich wirkungsvolle Neuerer
war: Haydn. Haydn, kein in der alten strengen Schule der
Polyphoniker und Generalbaßleute groß gewordener Musiker,
ein Wildling gleichsam, der nach eigener Neigung grünte und
schoß, hat die starre Orgelbindung des Orchesters gelöst und
das Orchester zum ersten Male zu einer freieren Gesellschaft
individueller Instrumente umgebildet. Kern und Grundlage
des Tonkörpers war fortan das Streichquintett (erste und
zweite Geige, Bratsche, Cello, Baß). Die Streicher machten
also einen Chor (Spiel) aus, wie früher die einzelnen In⸗
strumentalgruppen des alten Orchesters; aber sie waren jetzt