Bildende Kunst und Musik. 667
der einzige vollständige Chor. Alle übrigen Instrumente (Holz⸗
und Blechbläser, Schlagwerk) wurden diesem Streicherchore
solistisch beigefügt, und zwar waren von den früheren in allen
Stimmlagen vertretenen Bläsern auch nur einzelne übrig ge—
blieben. Ihre Instrumente wurden meistens nur doppelt be—
setzt; d. h. zum Streicherchor traten zwei Flöten, zwei Oboen,
zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten,
ein Paar Pauken. Das war das sogenannte kleine Orchester.
Wurde es noch um zwei weitere Hörner, drei Posaunen und
unter Umständen noch um Pickelflöte, Triangel, Becken und
zroße Trommel vermehrt, so entstand das große Orchester:
das Orchester der Klassiker und auch noch der Symphoniker
des 19. Jahrhunderts unmittelbar nach Beethoven!.
Indem sich aber so das Orchester, bisher gleichsam nur
zine zwar starke, aber an Nuancen arme Farbenfkala, in eine
unendlich reiche, unzähliger Schattierungen fähige Palette ver—
wandelte, trat daneben zugleich, sozusagen ein kleines Orchester
für sich, das Klavier.
Das Orchester als Kunstwerkzeug hatte, wenigstens in der
kirchlichen Musik, vielfach ebensowenig allein gestanden als
die Stimme: es war auf die Orgel fundamentiert worden;
diese hatte sozusagen den Kanevas, den Grundton abgegeben,
auf dem sich die orchestralen Töne erhoben, in den sie ihr
Muster, die Melodie, einstickten. Dann waren hierfür an
Stelle der Orgel bei weltlicher Musik das Cembalo und das
Spinett getreten, und von ihnen hatte schließlich das Klavi—
zymbel gesiegt, ein Instrument, dessen Saiten mechanisch durch
Rabenfederkiele gerissen wurden. Trat damit für die Fort—
entwicklung der Musik insofern, als sie mit dem neuen Zeit⸗
alter wesentlich weltliche Musik wurde, zugleich die Orgel
zurück — ein Moment, das es z. B. erklärt, wie Johann
Sebastian Bach auf längere Zeit so gut wie in Vergessenheit
geraten konnte —, so verbesserte sich anderseits das Klavizymbel
zum Klaviere. Es war eine zunächst rein mechanische Ver—
Merian, Gesch. der Musik S. 236-37.