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Zweiundzwanzigstes Buch.
änderung: an die Stelle der Rabenfederkiele traten kleine,
anfangs mit Leder, dann mit Filz überzogene Hämmerchen
(woher auch der Name Hammerklapier), mit denen die Saiten
nicht gerissen, sondern geschlagen wurden. Diese Hammer—
mechanik war 1711 von Christofori in Toskana und 1717 von
Schröter in Sachsen erfunden worden; 1728 fertigte der
Orgelbauer Gottfried Silbermann in Deutschland die ersten
Hammerklaviere; und in den siebziger Jahren des 18. Jahr—⸗
hunderts etwa verdrängte das neue Klavier die älteren Formen
und erhielt 1823 durch Sébastien Erard in dem double
échappement (der Repetitionsmechanik) seine letzte große Ver—
besserung. In der Zeit des Emporkommens der subjektivistischen
Musik und in deren erster großer Periode bis zu Beethovens
Tod begann also das Hammerklavier älterer Art ein technisch
vollkommener entwickeltes Instrument zu werden. Was be—
deutete das nun psychisch? Das Hammerklavier hat auch den
bezeichnenden Namen Fortepiano erhalten: es war das erste
Saiten-Tasten-Instrument, in welchem man durch stärkeren
oder schwächeren, härteren oder weicheren Anschlag den Ton
genauer forte und pianod nehmen, und damit ausreichend
nuancieren konnte. Und das war um so wichtiger, als gleich—
zeitig der Ton voller wurde und auch die Mittel zur Dämpfung
und damit wiederum auch zu klarem Spiele beträchlich ver—
stärkt erschienen. Und selbst damit noch nicht genug. Auch der
Rhythmus wurde freier. Denn es liegt auf der Hand, daß
jedem Rhythmus ohne dynamische Akzente, z. B. noch dem
Orgelrhythmus gegenüber dem Klavierrhythmus etwas Schwer⸗
fälliges anhaftet. Das ging nun verloren: mit dem Tone wurde
auch der Rhythmus ausdrucksvoller, mannigfaltiger, lebendiger:
und eine Sicherheit und Fülle musikalischer Bewegungsfreiheit
wurde erreicht, die bis dahin, auf jederlei Instrument wie selbst
in der menschlichen Stimme, unerhört war.
Die Folgen waren beträchtlich. Zunächst war das Klavier,
so vervollkommnet, jetzt nicht mehr als verhältnismäßig un⸗
belebte Basis gleichsam des Orchesters haltbar; das Orchester
emanzipierte sich, ging seine eigenen Wege und verlor den