Bildende Kunst und Musik. 669
Generalbaß. Weiterhin aber wurde das Klavier jetzt in seiner
Tonfülle und Tonmannigfaltigkeit, wie schon gesagt, gleichsam
selbst zu einem kleinen Orchester: es begann sich zum Instrumental—
orchester etwa wie die Radierung zum Ölgemälde zu verhalten,
es schilderte nur in zwei Farben, stufte diese aber aufs reichste ab.
Dabei kann der Vergleich mit der zweidimensionalen bildenden
Kunst noch weiter ausgedehnt werden: wie die Radierung zur
Reproduktion von farbigen Gemälden zu dienen vermag, so ist
das Klavier imstande, ein Orchester gleichsam im Auszuge, ein
wenig reduziert, etwas abstrakt, aber doch an sich ziemlich voll—
kommen zu vertreten. Unter diesen Umständen ist es denn klar,
daß man das Klavier auch selbständig, in Originalkompositionen,
gleichsam als Orchester behandeln kann: und nachdem der ältere
Klavierstil vielfach nur ein Analogiestil zur Behandlung des
wichtigsten Tasteninstrumentes, der Orgel, gewesen war, wurde
der neuere nun in vieler Hinsicht zum Orchesterstil schon der
klassischen Zeit, insbesondere unter der Einwirkung Beethovens.
Aber das Klavier kann auch seinen eigenen Stil entwickeln, und
vor allem in der Richtung auf große Beweglichkeit der Töne ist
das schon früh geschehen: und dann kann, bei dem besonderen
Verhältnis zum Orchester, dieser Stil wiederum auf die Be—
handlung des Orchesters zurückwirken.
Man sieht: ein unendlicher Reichtum selbst grundsätzlich
stark voneinander verschiedener neuer Möglichkeiten war mit
der technischen Entwicklung des Klaviers gegeben. In einem
aber trifft all dieser Reichtum zusammen: in dem Punkte, daß
durch diese Entwicklung das Bedürfnis nach höherer und um—
fänglicherer Ausdrucksfähigkeit im höchsten Grade befriedigt
wurde. Dies ist aber das Moment, auf das sich auch alle
Fortentwicklungsformen des Orchesters beziehen ließen, so
verschieden sie im übrigen technisch von dem Gange der Ver—
besserung des Klaviers waren: und so beweist dieser ver—
schiedenartige Verlauf der Entwicklung des Klaviers und des
Orchesters mit dem Ergebnisse dennoch gleicher Zielpunkte —
wenn dies noch bewiesen werden muß —, daß nicht das tech—
nische Motiv der Verbesserung an sich das entwicklungs—