Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch.

geschichtlich Entscheidende war, sondern das psychische Be—
dürfnis nach Differenzierung des musikalischen Ausdrucks im
weitesten Sinne und damit auch der Werkzeuge, die diesem
Ausdrucke dienten.
Indem aber auf diese Weise doch zunächst äußerlich und
von technischer Seite her Bahn gebrochen wurde, begann das
erste große Zeitalter der deutschen subiektivistischen Klavier- und
Orchestermusik.
Das Klavier war dabei, im ganzen betrachtet, früher am
Platze: begreiflich genug: um wie viel leichter ist es zu hand—
haben. Dieser Zusammenhang erhellt schon aus der Tatsache,
daß eine der einfachsten Formen der viersätzigen Zyklen, die
Sonate im klassischen Sinne des Wortes, vornehmlich auf
dem Klavier zur Durchbildung gelangt ist. Dabei trat für
den Geschmack des Publikums die Sonate vor allem an die
Stelle der Orgelfuge. Hatte sich aber in der Fuge noch alles
in gediegener Gebundenheit aus einem einzigen Thema ent—
wickelt, so erbluhte nun die Sonate, ganz anderer dramatischer
Belebung fähig, aus dem viel empfindungsreicheren Kontraste
zweier Themen: bis zuletzt das Ganze, zur ursprünglichen
Fassung des ersten Themas zurückkehrend, beruhigt, versöhnt,
in geläuterter Steigerung ausklang.
Der größere Reichtum an Themen und damit zugleich
eine mehr gelockerte Form überhaupt bezeichnete damit den
Anfang zur Differenzierung der subjektivistischen Musik. Aber
es kam ein weiteres hinzu, um die Empfindungsfähigkeit gleich—
sam der Sonatenform und der Klaviermusik noch zu stärken.
Die ältere deutsche Klaviermusik noch des individualistischen
Zeitalters, wie sie etwa durch Buxtehudes Klaviersuite oder
Kuhnaus Sonaten (um 1700) charakterisiert wird, hatte im
Grunde den Orgelstil auf das Klavier übertragen und erging
sich daher, zur Füllung der gegenüber der Tonstärke der Orgel
an sich noch dünnen Musik des Klaviers in entschiedenerem Lauf—
werk und in Figurationen, die im Grunde nur eine äußerliche
Ornamentation des alten gebundenen polyphonen Stiles be—
deuteten. Es ist wie wenn die Baumeister des deutschen Über—
            
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